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Zu Besuch beim Treibholzkünstler

Altes Schwemmholz fasziniert Jens Gürtler. Der kreative Kopf aus dem Allgäu verarbeitet es zu Möbeln und Wohnaccessoires. Ganz ohne Chemie, völlig naturbelassen.
Jens Gürtler ist viel am Bodensee und wie hier am Lech in Tirol unterwegs. Die genauen Holz-Sammelstellen hütet er wie einen Schatz © Landidee
Wann immer Jens Gürtler Zeit hat, ist er an Bodensee und Lech unterwegs – zum Holzsammeln. Er baut kleine Möbel und Designobjekte aus Treibholz, das von Flüssen oder an Seen angeschwemmt wird. „Wasser, Sonne und Natureinwirkungen verwandeln das Holz im Laufe der Zeit in wunderschöne Kunstwerke“, schwärmt der Memminger. Jedes Stück Holz erzähle seine eigene Geschichte: „Wenn man genau hinschaut, kann man erahnen, welchen Weg das Holz hinter sich gebracht hat. Ob es durch einen wilden Gebirgsbach gespült wurde oder lange Zeit im See getrieben ist.“ Das bloße Sammeln des wohlgeformten Schwemmguts genügt dem jungen Mann irgendwann nicht mehr. Er beginnt, mit den Holzstücken zu experimentieren, bearbeitet sie nach seinen Vorstellungen – ohne die ursprüngliche Form des Treibholzes zu zerstören. „Zweimal das gleiche angeschwemmte Holz gibt es nicht“, sagt Jens Gürtler, „das ist das Tolle daran.“ Durch diese Arbeit ist der Memminger zum Tüftler geworden. Besonders gefragt sind kleine Stehlampen: „Das Kabel zur Glühbirne will ich so führen, dass man es von außen nicht  sieht“, erklärt er. Dafür treibt er einen langen Bohrer in das Holz: vorsichtig, aber doch mit vollem Körpereinsatz. „Wenn ich da ein richtig festes Hartholz erwischt habe, dann kann das ganz schön anstrengend werden“, erzählt er. Wichtig ist, dass das Holz vor der Bearbeitung gründlich durchtrocknet.

Wie kreativ Jens Gürtler ist, zeigt sich in seinem Showroom in Memmingen: Kleine, filigrane Teelichthalter reihen sich an meterhohe Skulpturen und hübsche Bilderrahmen. Die Treibholzkunst verkauft er über seinen Online-Shop (Kontakt auf Seite 102). „Die Leute mögen diese Mischung aus Kunst und Natur. Viele haben auch ganz konkrete Wünsche, die ich dann umsetze“, sagt Jens Gürtler. Der Allgäuer beweist mit dieser Geschäftsidee ein glückliches Händchen: Selbst hergestellte Produkte aus heimischen Recycling-Materialien liegen voll im Trend. „Ich nenne das Upcycling. Was passiert denn sonst mit dem alten Holz? Es wird vernichtet.“ Viel zu schade, wenn man sieht, was sich aus einem einfachen Stück Holz machen lässt. Das, was eine Stehlampe werden soll, bearbeitet der 37-Jährige gerade mit einem Stemmeisen, entfernt lose und abstehende Rindenstücke und schmirgelt es mit einer Schleifmaschine grob ab: Schmutz und Sedimente aus dem Flussbett lösen sich so aus dem Holz. „Viel mehr machen darf ich aber gar nicht. Die Leute mögen es möglichst naturbelassen.“

Es ist mühevolle Handarbeit, die Jens Gürtler sich selbst beigebracht hat. Der Sand im Treibholz lässt zum Beispiel die Sägeblätter regelmäßig stumpf werden, hin und wieder bricht das Holz beim Durchbohren auseinander. In seinen alten Job als technischer Einkäufer will der Allgäuer aber nicht mehr zurück, auch wenn sich das Geschäft mit dem Treibholz zurzeit noch nicht trägt. „Im Winter bin ich deshalb als Snowboardlehrer unterwegs“, erzählt Jens Gürtler. Doch der Winter ist mittlerweile vorbei und der junge Mann kann wieder oft raus in die Natur. Die Schneeschmelze bringt jede Menge kunstvoll geformte Holzstücke mit ins Tal. Jens Gürtler muss sie dann nur noch einsammeln. „Wenn das so einfach wäre“, sagt er schmunzelnd. Wenn Jens Gürtler Glück hat, bringt er einen Arm voll brauchbarer Hölzer von seinen Ausflügen mit, meistens findet er aber nur zwei, drei.

Besonders gut gefällt ihm das Stück, aus dem er gerade die Lampe baut: „So eines könnte ich öfter finden, die Lampe steht bestimmt nicht lange bei mir rum“, prophezeit er. Als er sie mit Bienenwachs eingestrichen und Fassung und Lampenschirm befestigt hat, zeigt er sich zufrieden mit seinem Werk: „Sieht gut aus. Die ist sehr schön geworden“, sagt Jens Gürtler. Eine ganz natürliche Designerlampe, die es nur einmal gibt. Ein Unikat eben.

Eine Lampe entsteht


1. Damit das Objekt gut steht, muss das Treibholz auf einer Seite gerade abgesägt werden. Durch den Kern des Holzes bohrt Jens Gürtler ein etwa ein Zentimeter breites Loch. Hier führt er später das Kabel für die Lampenfassung durch.

2. Mit einem Stemmeisen entfernt er lose Rindenstücke und säubert das Holzstück.

3. Bienenwachs macht das Holz haltbarer, außerdem kommt die Maserung besser zum Vorschein

4. Zum Schluss Fassung und Lampenschirm befestigen – fertig ist die einzigartige Designerlampe
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