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Zu Besuch in der Bänderweberei im Waldviertel

Die schönsten Bändchen und Borten wurden einst im „Bandlkramerlandl“ im österreichischen Waldviertel gewebt. Rudolf Friedrich sorgt dafür, dass diese Tradition bis heute bewahrt wird.

Lautes Scheppern, Rumpeln und Klappern empfängt die Besucher im ersten Stock des „Lebenden Textilmuseums“ in Groß-Sieg- harts. Hölzerne Spulen drehen sich hastig um die eigene Achse, buntes Garn saust durch die Luft, die Schäfte eines wuchtigen Webstuhls rattern rhythmisch im Takt. Hier, in diesem großen licht- durchleuteten Raum ist die textile Geschichte des „Bandlkramerlandes“ lebendig und kann nach Herzenslust erforscht und erkundet werden.

Dabei ist Rudolf Friedrich behilflich, einer der guten Geister des Museums. Er und seine Kollegen kennen hier alle Maschinen wie ihre eigene Westentasche und kümmern sich darum, dass sie in Schuss bleiben. „Keine leichte Aufgabe, denn die meisten sind schon um die hundert Jahre alt und haben ihre Tücken und Eigenheiten“, lacht er und widmet sich wieder der Haspelmaschine, mit einer Reihe von Holzrädern, die das bunte Garn von Strängen auf große Spulen wickeln.

Angetrieben wird diese und alle anderen Maschinen im Raum von einem einzi- gen Motor – und dieser ratternde Genosse ist schon ein Zugeständnis an die modernen Zeiten. Früher kam hier noch eine Dampfmaschine mit einem ge- waltigen Kessel zum Einsatz. Dass Groß-Siegharts sich „Das Herz des Bandlkra- merlandls“ nennen kann, hat die Kleinstadt nahe der tschechischen Grenze dem Adligen Johann von Mallenthein zu verdanken.

Er fasste um 1720 den ehrgeizigen Plan, aus dem kleinen Bauerndorf ein Zentrum der Textilindustrie zu machen – was ihm auch gelang. Bis zum Fall des eisernen Vorhangs waren zahlreiche Textilbetriebe in der Region ange- siedelt und auch heute noch halten viele Firmen an dieser Tradition fest. Eine intakte Bänderweberei mit Maschinen, wie man sie im „Lebenden Textilmuse- um“ sehen kann, ist aber auch hier im Waldviertel eine echte Rarität.
Rudolf Friedrich ist schon mit dem nächsten Arbeitsschritt auf dem Weg zum fer- tigen Bändchen beschäftigt. Er überwacht die Zet- telmaschine, mit der die Fäden der einzelnen Spulen auf eine große Spule zusammengefasst werden – das sind die späteren Kettfäden des Gewebes. Auch wenn das Spulen hier natürlich die Maschine über- nimmt, muss Rudolf Friedrich immer dabeibleiben und das rasende Garn im Auge behalten.

Plötzlich stoppt die Maschine, ein Faden ist gerissen. „In der Maschine steckt ein ausgeklügelter Mechanismus. Sobald ein Faden reißt, fällt ein Stäbchen herunter und stoppt den ganzen Apparat“, erklärt Rudolf Friedrich. Nun ist Fingerspitzengefühl gefragt. „Ich verknüpfe die beiden losen Fäden mit einem Weberknoten, den beherrsche ich seit meiner Ausbildung wie im Schlaf“, schmunzelt er.

Seit er Ende der 50er-Jahre seine Lehre als Teppichweber begann, ist er den Textilien treu geblieben. „Ich bin damit groß geworden, denn beinahe alle in der Gemeinde arbeiteten in Textilbetrieben, viele auch in Heimarbeit. Wir konnten irgendwann am Klappern erkennen, woran der Nachbar gera-de arbeitete“, erzählt er und zeigt den nächsten Arbeitsschritt, der zum Weben der schmalen, bunten Bänder notwendig ist.

An der Schussspulmaschine wird das Garn von den großen Spulen auf viele kleine Spulen umgewickelt. Diese versorgen die Webstühle beim Weben mit dem sogenannten Schussfaden. Wenn Zettel- und Schussspulen vorbereitet sind, ist es an der Zeit, die großen, altehrwürdigen Webstühle in Aktion zu erleben.

Zwei der hölzernen Riesen bestückt Friedrich mit Garnspulen in allen Farben des Regenbogens. Hier werden Köper- oder Rips- bänder gewebt – etwa dreißig Stück auf einmal. Wenn der Webstuhl einmal mit Garn versorgt ist, übernimmt die motorbetriebene Maschine die Arbeit. Mit rhythmischem Klappern webt sie Meter um Meter und spuckt die fertigen Bänder wie bunte Bandnudeln in eine breite Au$angtasche.

Friedrich muss dabei stets im Blick haben, wann eine Garnspule leer ist und diese dann sofort gegen eine volle austauschen. „Früher hatte ein Weber bis zu vier Webstühle gleichzeitig zu überwachen, das erforderte hohe Konzentration und Schnelligkeit“, erklärt Rudolf Friedrich, während er eine der kleinen Schussspulen auswechselt. Dann bringt der geschickte Österreicher noch den Jacquardwebstuhl zum Laufen.

Dieser webt zweifarbige Bänder, momentan ein verschlungenes Muster in Hellblau und Dunkelrot. Damit der Webstuhl weiß, welches Muster er weben soll, wird er mit großen Lochkarten aus Karton gefüttert, in denen die Reihenfolge des Musters vorgestanzt ist. Früher war das Prägen dieser Lochkarten ein eigener Beruf. Das meist handgezeichnete Muster wurde mit einer Art Schreibmaschine auf die Pappkarten übertragen.

„Als Lehrling musste ich diese Karten zusammenheften – oft stundenlang“, lacht Rudolf Friedrich. Dann zeigt er, wie die fertigen Bänder für den Verkauf vorbereitet werden: Zuerst laufen sie durch den „Kalander“, eine Art Bügelmaschine, in der die Bänder durch Hitze geglättet werden. Dann werden sie mithilfe der Aufschlagmaschine sorgfältig zusammengelegt.

„Bevor es Kurzwarengeschäfte gab, sind hierzulande sogenannte Bandlkramer durch die Lande gezogen und haben die Webbänder in einem Bauchladen verkauft“, erzählt Friedrich. Dann holt er einen dicken Musterkatalog hervor und zeigt die geblümten, gestreiften und gemusterten Bänder, die aus dem Fundus einer Bänderweberei erhalten geblieben sind. „Wenn ich die Vielfalt sehe, die es damals gab, werde ich ganz wehmütig“, lächelt er. Doch zum Glück gibt es Menschen wie ihn, die dieses Handwerk mit viel Leidenschaft bis heute am Leben erhalten.
Zu Besuch in der Bänderweberei im Waldviertel - Text: Christine Neudert - Fotos: Peter von Felbert
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