Woher stammen Adventskranz, Christbaum & Co.?

Adventskalender, Kranz und Tannenbaum gehören heute ganz selbstverständlich zu Weihnachten. Doch erst mit dem erstarkenden Großbürgertum hielten diese Bräuche Einzug in unsere Wohnzimmer. Ein Streifzug von Advent bis zum Heiligen Abend.

Pst ...! Seid leise! Lasst mich auch ...! So könnten sie sich gegenseitig gemahnt, geschubst, zur Seite gedrückt haben, die Kinder früherer Jahrhunderte, wenn sie verwegen und heimlich einen Blick durchs Schlüsselloch wagten. In jenes verheißungsvolle Zimmer nämlich, wo am Heiligen Abend ein Tannenbaum mit funkelnden Goldkugeln, Wachslichtern und gesponnenem Glas so hell erstrahlen würde, dass er für die lange Zeit der Kälte und der Dunkelheit entschädigte. Wo auf einer gestickten Weihnachtsdecke der bunte Teller mit silbernen Nüssen und Pfefferkuchen liegen würde. Wo unter den weit ausladenden, duftenden Tannenbaumzweigen eine Krippenlandschaft wie eine kleine Bühne die Geschichte der biblischen Herbergssuche erzählen würde. Werfen wir mit diesen Kindern einen Blick in jenes Zimmer, durchs Schlüsselloch der Jahrhunderte, und lassen wir uns berichten, wie sie aussahen und wo sie herkamen, all die herrlichen Dinge, die damals am Heiligen Abend das Zimmer zum Funkeln brachten.

Doch zuvor gab es ja noch diese lange, diese endlos lange Zeit des Advents – 24 Tage, bis ein Glöckchen mit silberhellem Ton die Bescherung ankündigen und sich wie von Zauberhand die Türe öffnen würde. Auch damals war das eine lange Zeit, obwohl in verschiedenen Regionen der Nikolaus schon am 6. Dezember Gaben verteilt hatte. Es waren vor allem Kinder des  aufsteigenden Bürgertums, die am Morgen des Nikolaustages einen mit Naschwerk und Spielzeug gefüllten roten Stiefel vorgefunden hatten. Dieser Stiefel war schon Ende des 19. Jahrhunderts aus Pappe geformt und lackiert, hergestellt von den Thüringer Presspappefabriken. Auch auf Weihnachtspostkarten war der Nikolaus ein beliebtes Motiv, allerdings erst mit Beginn des Ersten Weltkriegs. Denn zuvor war es in Deutschland üblich gewesen, zu Weihnachten Wunschblätter zu verschicken, ornamentiertes Papier, in dessen Mitte man ein Gedicht oder einen Spruch eintrug.Erst als sich die Drucktechnik rasant verbesserte, wurde es Sitte, Karten mit Weihnachtsbildern zu versenden. Doch noch immer warten wir mit den Kindern sehnsüchtig auf den Tag der Bescherung. Die lange Zeit wurde schon um 1850 versüßt, indem man jeden Abend ein neues Bild an der Tapete anbrachte – ein Vorläufer des späteren Adventskalenders. Ein halbes Jahrhundert danach, genauer gesagt im Jahre 1902,tauchte in der Zeitschrift „Der Deutsche Kinderfreund“ erstmals die Reklame für eine „Weihnachtsuhr“ auf, die laut Anzeige in jeder Buchhandlung für 50 Pfennig zu haben war. Ab 1910 gab es dann sogar eine Bastelanleitung für solch eine Uhr, deren metallene Zeiger die Zeit vom 13. bis zum 24. Dezember durchwanderten. Erst um 1920 tauchten die ersten Kalender mit Türchen auf, erfunden vom Münchner Verlag Reicholdt und Lang. Schon fünf Jahre später hatte der gleiche findige Verleger die Idee, in die kleinen Türchen eine essbare Überraschung zu legen: Damit begann der Siegeszug unseres Adventskalenders, der für Kinder heute noch nichts von seinem Zauber eingebüßt hat.

Noch ein Ritual entstand um die Mitte des 19. Jahrhunderts: Es war der protestantische Norden, der den Adventskranz als lichterspendenden Zeitmesser ins Leben rief. Mit einem alten Wagenrad, auf das er Zweige flocht und 24 kleinere und größere Kerzen steckte, versuchte damals der Theologe Johan Hinrich Wichern ihm anvertraute, in Armut lebende Kinder mit der langen Adventszeit zu versöhnen. Doch erst mit dem Ersten Weltkrieg gelangte dieser norddeutsche Brauch nach Süddeutschland. Als Ende des 18. Jahrhunderts der Weihnachtsbaum seinen Siegeszug in bürgerlichen Stuben antrat, bastelte man den Schmuck noch selbst. Abends saß man zusammen, um Äpfel und Nüsse mit Schaumgold und Schaumsilber einzufärben oder mit haarfeinem silbernem Kupferdraht zu umspinnen.
Um Ketten, Körbchen und Netze aus buntem Papier zu formen, Eisgirlanden aus Rauschgoldfolie auszuschneiden und Sterne aus weißer Spitze zu klöppeln. Doch schon Mitte des 19. Jahrhundert entstand eine „Weihnachtsindustrie“, die vor allem in Heim- und Kinderarbeit bestand. Es waren Bergwerksfamilien in Thüringen, die als Holzschnitzer ganze Krippenlandschaften
fertigten, und Glasbläserfamilien aus den Hütten des thüringischen Lauscha, die in ihre Glasmacherpfeifen bliesen, um silbern glänzende Zapfen, Nüsse, Glocken und andere Figuren hervorzubringen. In Dresden wurden Pappbilder und -figuren gepresst, in Rendsburg wurde Eisen in Ornamentierschablonen für Weihnachtsbaumständer gegossen. Es wurden Kerzenklemmer aus Blech gestanzt und Wachsfiguren gegossen. Und das alles damit ... ja, damit sich am Heiligen Abend wie von Zauberhand die Türe öffnen und es endlich, endlich Einlass geben würde in das Zimmer mit dem glitzernden, funkelnden Weihnachtsbaum.
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