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Möbel im Papierkleid

Schnipsel für Schnipsel zum individuellen Möbelstück: Karolin Leyendecker beklebt ausrangierte Stücke mit buntem Motivpapier und verleiht ihnen ein neues Gesicht. So entstehen fröhliche Objekte, die auf ebenso vergnügliche Namen hören.

Karolin Leyendecker ist einer dieser Menschen, die lieber drei Sachen gleichzeitig tun, als Gefahr zu laufen, sich zu langweilen. Während des Fototermins in ihrer Werkstatt organisiert sie nebenbei zukünftige Projekte, führt Telefonate und entwickelt neue Ideen – natürlich nicht ohne darauf zu achten, dass die Gäste immer frischen Kaffee in ihren Tassen haben.

Kein Wunder also, dass die 47-jährige Mutter mit einem einzigen Job nicht ausgelastet ist. „Ich finde, drei Berufe muss man schon haben“, sagt sie schmunzelnd. „Wir haben nur ein kleines Leben, da sollten wir so viel wie möglich draus machen.“ Und so arbeitet Karolin mal als Verkäuferin in einem Museumsladen, mal gibt sie Kurse in Schulen; und zwischendurch widmet sie sich in der heimischen Werkstatt ihrer eigenen Firma MöbelVerrückt.

Die Idee dazu entstand aus einem Hobby: dem Buchbinden. In Kursen eignete sich die gelernte Buchhändlerin und Journalistin die nötigen Techniken an und lernte sie anschließend auch auf andere Formen und Materialien zu übertragen.

So entstand aus der Liebe zu Büchern, Möbeln und Dekoration eine Geschäftsidee, die dieses Jahr ihr fünfjähriges Jubiläum feiert – ein Beweis, wie man vielseitige Talente und Vorlieben geschickt miteinander kombinieren kann. Geschätzt ein Drittel ihrer Zeit verbringt Karolin nun mit dem Veredeln alter Möbel mit Papier.

In kleine Ecken geschnitten wandern die tollsten Motive mithilfe von Leim auf die meist holzige Oberfläche. „Neu einkleiden“ nennt die Künstlerin liebevoll diesen Vorgang, wenn ein Möbel ein neues Erscheinungsbild bekommt. Meistens greift sie dabei auf alte Holzobjekte vom Sperrmüll zurück, die unter ihren Händen eine radikale Verwandlung erleben.
Karolin behauptet: „Je schäbiger ein Stück ist, desto mehr Freude macht mir das Aufarbeiten und Aufhübschen.“ Was für den Laien zunächst aussieht wie ein munteres, aber zielloses Schneiden und Aufkleben, birgt bei genauerem Hinsehen eine durchdachte Struktur: Die Kunst des Buchbindens, die Schneide- und Klebetechniken geschickt miteinander verbindet, bildet nur die Grundlage.

Die Herausforderung bei einem Buch besteht vor allem darin, Rundungen sauber auszuarbeiten. Beim Leimen müssen Kanten und Ecken so verklebt werden, dass später keine Unebenheiten zu sehen sind. Zudem spielen die Motive eine wichtige Rolle – für das fertige Objekt ist ein harmonisches Zusammenspiel der einzelnen Papierschnipsel entscheidend. Schwierig wird dies, wenn verschiedene Muster miteinander kombiniert werden und trotzdem eine Einheit ergeben sollen.

Bei der Objekt- und Motivwahl sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Neben Stühlen, Tischen, Vasen und Schachteln hat die Freiberuflerin auch schon ganze Türen oder Küchenfronten neu eingekleidet. Ihr Traum: einmal eine ganze Wand mit ihrer selbst entwickelten Patchwork-Technik zu tapezieren.

Das Motiv würde dann wohl von der Art des Zimmers abhängen. Denn aus reinem Zufall geschieht bei Karolin gar nichts. Der Hocker mit den Hundemotiven, den sie vor unseren Augen und der Kamera beklebt, ist eine Auftragsarbeit einer Hundebesitzerin. Viele schicken Fotos und andere Erinnerungsstücke, die sie gern verewigt wissen wollen.

Briefmarken, Landkarten und Comics gehören zu den Klassikern, die man im Onlineshop von www.moebelverrueckt.de findet. Heraus kommen dann Schätze wie „Bambis Thron“ (ein Stuhl mit Rehen), „Schneidersitz“ (ein Hocker mit Seiten aus Schneiderbüchern) oder „Ehemann“ (ein Kerzenständer mit Briefmarken, auf denen nur Männerköpfe abgebildet sind).

Auf eines ist Karolin aber ganz besonders stolz: Vor Kurzem hat sie ihr erstes eigenes Motivpapier gestaltet. Nach der Vorlage eines selbst gemalten Acrylbildes ist ein Bogen Papier entstanden, der das schwedische Dalapferd zeigt. Hier spiegelt sich die Liebe zu allem Skandinavischem wider, die auch Tabletts mit den Karten Dänemarks und Schwedens schon erahnen lassen.

Neben dem künstlerischen Aspekt ist es vor allem die Wertschätzung handgemachter Dinge, die die Hamburgerin bei ihrer Arbeit antreibt. In die Jahre gekommene Möbel, die von ihren Besitzern aussortiert wurden, bekommen dank MöbelVerrückt wieder einen Sinn und einen festen Platz. Dass Karolin Leyendecker voll und ganz hinter dem steht, was sie tut, sieht man auch an ihrer privaten Einrichtung.

In jedem Zimmer findet sich mindestens ein farbiges Accessoire, das die Künstlerin selbst gestaltet hat. Ihre Objekte sieht sie vor allem als bunte Farbtupfer, die Akzente setzen können. Am wichtigsten ist für sie, dass alles benutzbar ist: „Ich brauche nichts, was nur rumsteht“, sagt sie rigoros. Es hätte einen aber auch gewundert, wenn diese Frau nicht auch noch einen Sinn fürs Praktische hätte.
Möbel im Papierkleid - Text: Lina Beyer, Fotos: Heidi Fröhlich
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