Jede Tür ein Unikat

Ob groß oder klein, üppig verziert, ganz einfach oder sehr schick: Alte Türen sind echte Designerstücke, sagt Familie Blei. Mit handwerklichem Geschick restaurieren die Männer historische Unikate.

Mit einem kleinen Schnitzmesser kratzt Johannes Blei letzte Farbreste aus den Fugen der verspielten Schnörkel. Der 31-Jährige ist gerade dabei, eine Jugendstiltür aus dem Jahre 1902 zu restaurieren. Dazu säubert er die reich verzierte Eichentür nach dem Entlacken mit viel Fingerspitzengefühl.

„Erst wenn der Dreck entfernt ist, kommt die Struktur des Holzes und der feinen Schnitzarbeiten wieder zur Geltung“, erklärt der gelernte Schreiner. Die Vorliebe für alte Türen ist Männersache in der Familie Blei. Johannes hat sie geerbt. Sein Vater Rainer und sein Großvater Karl haben das Geschäft mit den Türen vor über 30 Jahren im hessischen Ettingshausen angefangen.

Rainer Blei baute damals ein Haus – aus alten Balken einer Scheune. Karl Blei sammelte Antiquitäten. Gemeinsam sind die Männer auf die Tür gekommen und aus dem Hobby ist pure Begeisterung geworden. „Für mich sind alte Türen das Schönste, was es gibt“, erzählt Rainer Blei. Der „Tür-Virus“ hat inzwischen die ganze Familie gepackt.

Über 2000 historische Haustüren und über 3000 alte Zimmertüren haben die Bleis zusammengetragen. Fein säuberlich sortiert werden die Tür-Unikate aus sämtlichen Epochen im Keller des Wohnhauses, im Werkstattanbau oder in einer Scheune gelagert. Mittlerweile hat Johannes Blei den Betrieb übernommen, die Werkstatt modernisiert und die Firma um einen Handel mit Beschlägen und Fenstergriffen erweitert.

Sieben Angestellte helfen ihm, der Nachfrage nach alten, originalen Türen gerecht zu werden. Der Anspruch bei jeder Tür, egal ob von einem einfachen Bauernhaus oder einer reichen Herrschaftsvilla: „Sie muss perfekt und vor allem sicher sein“ – ein großer handwerklicher Aufwand. „Als Erstes müssen wir die Türen meistens entlacken“, erklärt der junge Firmenchef.

Mit einem Heißluftföhn und einem kleinen Spachtel rücken er oder seine Mitarbeiter der Tür zu Leibe. Durch die Hitze wird der Lack weich und anschließend vorsichtig abgelöst. „Wichtig ist, dass wir das Holz nicht verletzen.“ Die Methode, die Tür zum Beispiel in Abbeizlauge zu legen, kommt für die Bleis nicht infrage. „Durch das Wasser verzieht es das Holz dann meistens“, erklärt Johannes Blei.

Ist der Lack ab, müssen Schäden ausgebessert, Intarsien instand gesetzt und Glasfenster ersetzt werden. Entweder haben Kunden hier bestimmte Vorstellungen oder verlassen sich auf die Erfahrung der Bleis. „Bei Jugendstiltüren rate ich immer zu grünen und orangefarbenen Fenstern“, sagt Rainer Blei.

Obwohl er das Geschäft in den guten Händen seines Sohnes weiß, lässt ihn die Leidenschaft zu den alten Baustoffen nicht los. Er ist regelmäßig in der Werkstatt oder kauft alte Türen an. „Ich habe viele Kontakte zu Baufirmen, die mich anrufen, wenn sie irgendwo ein Haus abreißen und eine schöne Tür dabei ist“, erzählt der 59-Jährige.

Rainer Blei höchstpersönlich holt sie dann ab. Zum Schluss bekommen die Türen einen neuen Anstrich. Dafür wird eine Dickschichtlasur auf Wasserbasis verwendet. „Die muss mit dem Pinsel aufgetragen werden, sonst sieht es zu modern aus“, erklärt Johannes Blei. Er hat dafür einen Experten angestellt.

Perfekt ist eine Tür aber nur mit passenden Beschlägen, die der Epoche entsprechend eingesetzt werden, und einem neuen Schloss. „Das muss natürlich den neuesten Standards entsprechen, damit die Tür auch sicher ist.“ Die restaurierten Türen aus dem kleinen hessischen Dorf sind mittlerweile weltweit gefragt: „Eine haben wir sogar schon nach Japan verschickt“, sagt Rainer Blei stolz.

Für ihn, Sohn Johannes und Opa Karl sind die alten Türen echte Designerstücke: zeitlos schön und beständig.
Jede Tür ein Unikat zu Besuch beim Restaurator - TEXT: Katharina Kraus FOTO: Peter Raider
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