LandIDEEn

Wilde Frischlinge

Wenn die Natur langsam wieder zum Leben erwacht, gehören die Wildschweine zu den ersten Wildtieren, deren Nachwuchs teils noch im Schnee die Wälder unsicher macht.
Von Torsten Dewi

Wenn die ersten Sonnenstrahlen des Vorfrühlings durch die Wipfel heimischer Bäume dringen und den Waldboden dampfend erwärmen, wagen sich die mutigen Frischlinge in ihr erstes Abenteuer: raus aus dem nestartigen, mit Blättern, Moos und Gras ausgepolsterten warmen Bau, dem sogenannten „Wurfkessel“, in dem sie zur Welt gekommen sind, und rein in die Natur, die nach dem Winterschlaf gerade wieder zum Leben erwacht.

EINE GROSSE FAMILIE – DIE WILDSCHWEIN-ROTTE
An Spielgefährten fehlt es den niedlichen Schweinen mit dem beige-braun gestreifen Fell nie, denn in der Wildschweinfamilie, Rotte genannt, sind alle Jungtiere etwa gleich alt. In einer gesunden Rotte ist es nämlich immer das älteste fortpflanzungsfähige Weibchen, das die Paarungszeit aller anderen hormonell synchronisiert. So ist sichergestellt, dass alle Bachen zu ungefähr der selben Zeit werfen und die Frischlinge dadurch gleiche Chancen bekommen. Für Geburt und Aufzucht trennt sich die Bache von der Rotte. Ab März kommen die Frischlinge zur Welt, oft sieben an der Zahl. Sie wiegen um die 1000 Gramm. Weil ihr Fell noch nicht sehr witterungsgeschützt ist, trauen sie sich erst nach ein bis drei Wochen unter Mamas Aufsicht aus dem Nest. Erst wenn sie groß genug sind, um mithalten zu können, schließt sich die Bache mit dem Nachwuchs wieder der Rotte an. Spätestens nach einer Stunde gehen die Entdeckungstouren der drolligen Frischlinge allerdings zu Ende, denn dann ruft der Hunger: Die Kleinen trinken anfangs im stündlichen Rhythmus und balgen sich dabei um die besten Saugplätze an den hinteren Zitzen – da gibt es die meiste Milch. 
Von November bis Januar sind die Weibchen paarungsbereit, richtig rund geht es im kalten Dezember. Die Männchen haben dabei nichts zu melden – sie sind das ganze Jahr befruchtungsfähig und warten geduldig auf ihre Gelegenheit. Nach einer alten Bauernweisheit sind Bachen „drei Monate, drei Wochen, und drei Tage“ trächtig, was ziemlich genau hinkommt (der Durchschnitt liegt bei 114–118 Tagen).


GESTREIFTER FINGERABDRUCK
Im Gegensatz zu den erwachsenen Schweinen mit ihrer gleichmäßigen Färbung haben die Frischlinge vier bis fünf Längsstreifen, die bei jedem Tier einzigartig wie ein Fingerabdruck sind und es der Mutter erlauben, den Nachwuchs auseinander zu halten. Das Muster ist außerdem ein natürlicher Tarnanzug, der vor dem Blick von Fressfeinden schützt. Während die Männchen meist als Einzelgänger durch die Wälder streifen, bleiben Weibchen gerne in Mutterfamilien zusammen, in denen die Frischlinge alles lernen, was für das Überleben wichtig ist. Dazu gehört auch das von Menschen oft als schmutzig empfundene Suhlen – dabei dient es dem genauen Gegenteil, nämlich der Fellhygiene. 

KÖRPERPFLEGE IM SCHLAMM
Im Gegensatz zu Rehen und Wölfen ist der Hals der Wildschweine zu kurz und steif, um sich selbst ausgiebig mit Zunge und Zähnen zu pflegen. Mit dem Schlammbad werden deshalb Parasiten eingekapselt und Stechmücken können nicht mehr an die Haut gelangen. In der Nähe jeder Schlammpfütze finden sich „Malbäume“ mit grober Rinde, an denen sich die Schweine genüsslich scheuern, um Dreck und Schädlinge loszuwerden. Im Frühjahr und im Sommer muss der Nachwuchs nicht nur viel lernen, so-dern vor allem viel fressen – 20 bis 30 Kilo braucht er auf den Rippen, um gut vorbereitet in seinen ersten Winter zu gehen. Damit verliert er übrigens auch die Bezeichnung „Frischling“.


EINST BEDROHTE ART –   HEUTE VON STABILEM BESTAND
Vor dem Einzug von Landwirtschaft und Viehzucht war das gejagte Wildschwein ein wichtiger Fleischlieferant. Dann änderte sich das Verhältnis von Mensch und Schwein: Aus dem wilden Borstenvieh wurde ein genügsames Nutztier gezüchtet – und die freilebende Verwandtschaft bekam einen schlechten Ruf als Plünderer von Ackerböden und Beeten. Bis ins 20. Jh. gingen die Wildschwein-Bestände durch intensive Bejagung drastisch zurück, in vielen Ländern gab es überhaupt keine Populationen mehr. Aber weil Wildschweine zäh und an-passungsfähig sind, überlebten sie lange genug, um sich nach dem Aufkommen von Tierschutz-Gedanken wieder in heimischen Wälder zu vermehren. Der Bestand ist nicht mehr bedroht, im Gegenteil: Die Wildschweine fühlen sich mitunter so sauwohl, dass sie sich immer näher an menschliche Siedlungen heran wagen. Im Stadtgebiet von Berlin leben allein 4000 Keiler und Bachen, die auch mal in Mülltonnen wühlen. Da kennen die Allesfresser keine Gnade. Auch wenn dies für die Bewohner ärgerlich ist, sind wir froh, dass die Frischlinge wieder zahlreich durch unsere Wälder streifen. 
Torsten Dewi


 
Wilde Frischlinge
LandIDEE Ausgabe 02/10 Jetzt abonnieren!
Mehr zum Thema