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Wachszieherei

Was den Menschen wichtig war, wurde in früheren Jahrhunderten als Wachsfigur in der Kirche darge-bracht. Im kleinen Museum von Lebzelter Hans Hipp in Pfaffenhofen kann man heute noch erleben, wie sie früher gegossen wurden.

Der Wunsch des Menschen, seinen Gott durch eine repräsentative Gabe auf eine Bitte aufmerksam zu machen, ist so alt wie unsere Kultur selbst. Schon in der Steinzeit wurde mit Figuren und Gegenständen um erfolg­reiche Jagd, Gesundheit und gutes Wetter gebeten.

In verschiedenen Varianten ist diese Tradition bis heute erhalten, zuletzt in der Form von sogenannten Votivgaben aus Wachs, die von Gläubigen in die Kirchen gebracht wurden.

WUNSCH AUS WACHS

Schaut man sich die vielen Figuren und Abgüsse an, die Hans Hipp in seinem kleinen Wachsmuseum vorrätig hat, ist man nicht nur vom Detailreichtum überrascht, sondern auch von der Deutlichkeit, mit der diese auf ganz spezielle Sorgen und Probleme hinweisen: Eine Luftröhre für Probleme „mit der Gurgel“, Hände, Augen, Herzen. Für praktisch alle körperlichen Beschwerden, die man vor 300 Jahren kannte, gibt es eine wächserne Entsprechung. Paare ließen sich in Wachs gießen, um dadurch ihren Bund gesegnet zu wissen.

Aber warum sind die meisten Votivgaben in fast blutigrotem Wachs gegossen? Hans Hipp lächelt milde: „In früheren Zeiten zeigten Kirchen ihren Wohlstand anhand der entzündeten Kerzen, denn Wachs war teuer. Ungefärbte Votivgaben wurden gern unauffällig von Messdienern einge­sammelt und zu Kerzen geschmolzen. Die rote Färbung aber verhindert das.“
Der Konditormeister kennt sich bei dem Thema aus wie kein Zweiter: Im malerischen Haus am Hauptplatz 6 in Pfaffenhofen arbeiten seit 1610 Lebzelter und Kerzenzieher. Seiner eigenen Familie gehört das Geschäft seit mehr als 100 Jahren. Hans Hipp hat das Handwerk nicht nur gelernt, er hat auch das Brauchtum studiert und Bücher über Votivgießer und Metbrauer geschrieben. Wenn er in seiner kleinen Museumswerkstatt nicht nur spannend erzählt, sondern selbst fast vergessene Techniken vorführt, dann ist das wie eine Reise zurück ins Barock.

Die hölzernen Model, in die er das sinnlichwarme Wachs gießt, verweisen dabei mit Initialen und Jahresangabe auf ihre Herstellung. Die älteste Form ist von 1684 und lässt sich heute noch so gut ausgießen wie damals. Man kann sie nicht anders anfassen als mit Ehrfurcht. Doch im Haus am Hauptplatz wurden nicht nur Votivgaben gegossen und Kerzen gezogen – in der Lebzelterei entstand auch steinplattenharter Lebkuchen und es wurde Met (Honigwein) gesiedet, der beliebter als Bier war.

BIENENWACHS UND HONIG

Die ungewöhnliche Kombination ergab sich aus den wichtigsten Rohstoffen: Bienenwachs und Bienenhonig. Nur der Lebzelter durfte laut Münchner Zunftordnung beides verarbeiten. Für Süßwaren ohne Honig war der Zuckerbäcker zuständig, fürs Bier der Braumeister. Eine Aufteilung, die noch den Großvater von Hans Hipp umtrieb, wie er uns verrät: „Das war natürlich fürs Geschäft nicht gut, wenn man zwar Lebkuchen verkaufen durfte, aber keine Plätzchen, auch wenn der Stadtrat sich gern vom Lebzelter mit Torten beliefern ließ. Mit einem Bittschreiben hat sich mein Opa damals an den bayerischen König gewandt, um das zu ändern.“

EIN HAUS MIT GESCHICHTE

Es ist so ungewöhnlich wie faszinierend, dass es nicht eine einzelne Familie war, die das Handwerk über vier Jahrhunderte in Pfaffenhofen betrieben hat, sondern dass das Haus selbst Ursprung und Zentrum der Tradition bildet. Hier gründete Thomas Riederauer anno 1610 das Geschäft. Es überstand die Pest ebenso wie den 30-jährigen Krieg. Nach fast 150 Jahren und vier Generationen ging es an die Liedls – und 1897 übernahmen schließlich Joseph und Maria Hipp. Ein Weltkrieg, dann noch einer – und trotz aller Widerstände war und blieb der Hauptplatz Nr. 6 für die Menschen von Pfaffenhofen Café, Kerzenzieherei und Lebzelterei.
In der Nachkriegszeit ließ Hans Hipps Vater die Angestellten im Schaufenster Kerzen ziehen, um Werbung für den Laden zu machen.

ZEITEN ÄNDERN SICH

Natürlich hat sich im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte viel geändert. Aus harten Lebkuchenplatten wurde weiches Gebäck, Met trinkt kaum noch jemand und Votivgaben wecken in Deutschland eher nostalgisches Interesse. Kirchenkerzen sind schon lange nicht mehr aus reinem Bienenwachs, das wäre viel zu teuer.

BLICK ZURÜCK NACH VORN

Schaut man heute bei Hans Hipp vorbei, kann man die alten Vorgaben bezüglich Wachs und Honig aber immer noch erahnen. Im modernen Café werden die hausgemachten Lebkuchen und Pralinen weiterhin gern mit Honig gesüßt, es gibt einen separaten Laden für Kerzen und im Obergeschoss hat Hans Hipp die alte Werkstatt zu einem bezaubernden kleinen Museum umgebaut, in dem er größeren Gruppen zeigt, was Vorfahren wie Vorbesitzer des Hauses einst fertigten.

Es ist ein Ort des Genusses, der Bildung für die Sinne. Zum aktuellen 400. Geburtstag des Handwerks am Hauptplatz 6 hat Hans Hipp einen Raum im alten Café-Stil renoviert, zeigt Besuchern Fotos und eine faszinierende Dokumentation über die Lebzelterei und Kerzenzieherei, in der er selbst als junger Mann vorkommt.

Er ist sichtlich stolz, dass mit dem Haus auch diese Handwerksgeschichte überlebt hat. In ihm finden Vergangenheit und Gegenwart beeindruckend zusammen. Und vertragen sich gut.
Torsten Dewi
 
400 Jahre Tradition: In Wachs gegossen
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