Anleitung

Papier-Träume

In einem Bogen handgeschöpftem Papier steckt die Handwerkskunst vergangener Jahrhunderte. Im Klostermühlenmuseum Thierhaupten wird diese am Leben erhalten.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, es wäre Waschtag im Klostermühlenmuseum Thierhaupten: An den langen Hanfseilen unter der Decke der Papierwerkstatt hängen Dutzende blütenweißer Bögen Büttenpapier zum Trocknen. „So falsch ist dieser erste Eindruck gar nicht“, meint Yvonne Riedelsheimer, die sich um die Papiermühle des Museums kümmert. „Früher wurde Papier tatsächlich aus Textilien hergestellt – das Grundmaterial waren alte Leinenlumpen.“

Der Herstellungsprozess war mühsam: Lumpensammler zogen durch die Dörfer und sammelten Leinenfetzen, um sie an die Papiermühlen zu verkaufen. Dort wurden sie sortiert und zerkleinert. Um die Fasern zu zersetzen, ließ man die Stoffreste anschließend mehrere Wochen faulen. Dann wurde die Fasermasse in einem wasserbetriebenen Stampfwerk zu einer gleichmäßigen Masse verarbeitet und gleichzeitig mit frischem Wasser gespült.

„Man kann sich vorstellen, warum die Papiermühlen meist an Flüssen außerhalb der Stadt lagen: Für das Stampfen und Spülen der Lumpen benötigte man Unmengen an sauberem Flusswasser. Außerdem haben die verfaulten Lumpen einen ziemlich üblen Geruch verströmt“, erklärt Yvonne Riedelsheimer.



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Die Papiermühle des Museums wurde in einer alten Getreidemühle nach historischen Vorbildern eingerichtet, nachdem die originale Papiermühle des Klosters Thierhaupten 1847 bei einem Brand zerstört wurde. Ein Stampfwerk gibt es hier auch zu sehen, allerdings ist es nicht mehr im Einsatz.

„Hier werden keine fauligen Lumpen mehr gestampft– diesen Geruch möchten wir unseren Besuchern nicht zumuten“, lacht Yvonne Riedelsheimer. Alle weiteren Arbeitsschritte zum fertigen Büttenpapier kann man im Museum jedoch selbst ausprobieren – und das fertige Papier natürlich auch mit nach Hause nehmen.

„Wer bei uns im Museum einmal selbst geschöpft hat, weiß dann, wie viel Arbeit dahintersteckt, und versteht besser, warum Papier früher ein so wertvolles Gut war“, meint die passionierte Papierschöpferin, die ihr Wissen besonders gern an Kindergruppen weitergibt. Gerade rührt sie mit einer Art überdimensionalem Kochlöffel in einem großen Bottich.

„In dieser sogenannten Bütte wurde die fertig gestampfte Fasermasse früher mit Wasser vermengt, daher auch der Name Büttenpapier. Wir verwenden statt der Leinenfasern heute Zellstoff, den es fertig zu kaufen gibt“, erzählt sie, während sie in der Bütte rührt, um die sogenannte „Pulpe“ gleichmäßig aufzuwirbeln. Dann ist Eile geboten: Schnell legt sie den Rührlöffel zur Seite, greift zum Schöpfsieb und zieht es durch die Flüssigkeit.

„Je gleichmäßiger der Zellstoff im Wasser verteilt ist, desto regelmäßiger ist auch die Struktur des Papiers“, erklärt sie, während sie den Schöpfrahmen waagrecht aus dem Bottich hebt. Auf der feinen Gitterstruktur hat sich eine hauchdünne, gleichförmige Faserschicht abgesetzt. Nur in der Mitte des Siebs zeichnet sich ein kleines Symbol ab.

„Das Wasserzeichen ist sozusagen die Visitenkarte des Papierschöpfers. Jeder hat ein eigenes Zeichen, das mit dünnem Draht spiegelverkehrt auf das Gitter des Schöpfsiebs aufgenäht wird, so dass sich dort weniger Papierbrei absetzt“, lässt uns die Papierschöpferin wissen. „Der fertige Bogen ist an dieser Stelle dann etwas dünner und lüftet das Geheimnis seiner Herkunft, sobald man ihn gegen das Licht hält.“
KLOSTEREIGENES PAPIER

Das Schöpfsieb, das sie heute verwendet, trägt das Wasserzeichen des Abtes Kaspar Bschorn. Er gründete im Jahre 1609 die klostereigene Papiermühle in Thierhaupten, die daraufhin jährlich eine bestimmte Menge an Papierbögen an das Kloster liefern musste. Nur diese Bögen durften das Wasserzeichen des Abtes tragen.

„Für Historiker sind Wasserzeichen heute ein wichtiges Hilfsmittel, um Alter und Herkunft eines Buches genau zu bestimmen“, erklärt Yvonne Riedelsheimer. „Damals garantierten die Wasserzeichen die gute Qualität der Papierbögen. Denn wenn schlechtes Papier in Umlauf kam, konnte man mit einem Blick nachvollziehen, aus welcher Papiermühle es stammte – was natürlich dem Ruf des Papierschöpfers schadete.“

Der frisch geschöpfte Papierbogen wird nun „abgegautscht“: Das Sieb mit dem nassen Bogen wird umgedreht auf ein Filztuch gepresst, so dass das Papier daran haften bleibt. Dann wird ein weiteres Filztuch darüber gelegt, auf dem das nächste geschöpfte Papier abgelegt wird. So entsteht nach und nach ein Stapel, in dem sich Filz und nasses Papier abwechseln – der sogenannte „Bausch“.

Dieser wird nun mithilfe einer Spindelpresse kräftig ausgedrückt, so dass möglichst viel Wasser entweicht. Danach werden die Bögen vom Filz getrennt und zum Trocknen auf dicken Hanfseilen im Dachboden der Papiermühle aufgehängt. Ganz fertig ist das Papier dann aber immer noch nicht: Damit die Tinte beim Schreiben auf dem Papier nicht zerläuft, wurde es früher noch in eine Leimlösung getaucht.

„Diesen Schritt können wir überspringen, weil wir den Leim schon mit in die Pulpe rühren. Aber das Glätten des Papiers bleibt uns auch heute nicht erspart“, sagt Yvonne Riedelsheimer und beginnt, die Papierbögen vorsichtig mit einem glatten Achatstein abzureiben. Papier ist geduldig – und auch für seine Herstellung sollte man ein wenig Geduld mitbringen.
Papier-Träume - TEXT: Christine Gambato FOTOS: Heidi Fröhlich ILLUSTRATIONEN UND MOBILE: Julia Fröhlich
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