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Magische Mistel

Um den geheimnisvollen Baumbewohner ranken sich viele Mythen. Die Allgäuer Kräuterfrau Bertlies Adler weiß, warum uns die Mistel so fasziniert.
Mistel © Birgid Allig



Erst in den Wintermonaten, wenn die Laubbäume ihr Blattwerk abgeworfen haben, werden die Misteln sichtbar. In fast kugelrunden Büschen thronen sie in den Kronen und Astgabeln von Ahorn, Buche, Linde, Eiche & Co. und sind wegen ihrer immergrünen Zweige weithin zu erkennen. „Auf Tannen, Kiefern und Fichten ist der Halbschmarotzer ebenfalls manchmal zu finden, wenn man ganz genau hinschaut“, erklärt die Allgäuer Heilpflanzenexpertin Bertlies Adler. „Sicher hat diese ungewöhnliche Lebensweise ohne Bodenkontakt zwischen Himmel und Erde auch dazu beigetragen, dass die Menschen der Mistel seit jeher ganz besondere Kräfte zugesprochen haben.“


Uraltes Zauberkraut

Das geheimnisvolle Gewächs soll vor Dämonen, Verwünschungen und bösen Geistern schützen und sogar übermenschliche Kräfte verleihen – das kennen wir gut aus der Lektüre der „Asterix & Obelix“-Hefte, in denen der ehrwürdige Druide Miraculix bei Vollmond in die Eichen klettert, um mit einer goldenen Sichel die Büschel für seinen legendären Zaubertrank abzuschneiden. Auch Bezeichnungen wie „Drudenfuß“, „Hexennest“, „Donarbesen“ oder „Gespensterrute“, die die Mistel im volkstümlichen Sprachgebrauch erhalten hat, gehen auf die magischen Fähigkeiten zurück, die man ihr schon früh zuschrieb.


Als Allheilmittel verehrt

Viele der Bräuche, Mythen und Rituale, die sich um das wundersame Gewächs ranken, haben sich bis heute erhalten. Die meisten beziehen sich auf die zwölf sogenannten Raunächte, die magischen Tage zwischen Heiligabend und dem 6. Januar. In dieser Periode „zwischen den Jahren“ scheinen die Naturgesetze ihre Gültigkeit verloren zu haben und die Grenzen zwischen dem Diesseits und dem Jenseits sowie zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft durchlässiger als sonst zu sein.


Mistel in der Volksmedizin

Bereits in vorchristlichen Zeiten wurde die Mistel aber nicht nur als magisches Zauberkraut, sondern auch als ein Allheilmittel verehrt. Sie konnte bei Herzschwäche, Schwindel und epileptischen Anfällen genauso Verwendung finden wie bei Unfruchtbarkeit, Hysterie, Depressionen, Fieber und Wurmerkrankungen. Ende des 19. Jahrhunderts empfahl der Bad Wörishofener „Wasserdoktor“ und Pfarrer Sebastian Kneipp Mistelbehandlungen vor allem bei Störungen des Blutkreislaufs. Entsprechend wird die Heilpfl anze heute noch in der Naturmedizin vor allem bei Bluthochdruck, Durchblutungsstörungen sowie Herz- und Kreislaufproblemen eingesetzt. Auch als Hausmittel zur Steigerung der Immunkräfte, zur Anregung des Stoffwechsels und zur allgemeinen Stärkung des Organismus hat sich das „Hexenkraut“ bewährt.


Beruhigende Inhaltsstoffe

Bertlies Adler schätzt die Heil- und Ritualpflanze ebenfalls sehr. Deshalb steht die Mistel auch auf dem Lehrplan der einjährigen Phytotherapie-Ausbildung, die sie neben den Seminaren für interessierte Laien und den Workshops der Akademie Rückenwind auf ihrem schönen Kräuterhof im Alten Pfarrhaus von Ingenried veranstaltet. In der Volksheilkunde nutzt man lediglich die ledrigen, harten Blätter und die kleinen Zweige von Viscum album, so der botanische Name der Mistel. Das bei uns heimische Sandelholzgewächs ist ein Halbschmarotzer, kann jedoch die für Pflanzen lebensnotwendige Photosynthese selber ausführen. Somit hält sich der Schaden, den es seinem Wirtsbaum zufügen kann, in Grenzen. Die immergrünen Blätter werden im Winter oder in den ersten Monaten des Jahres gesammelt und besitzen beruhigende, entzündungshemmende, blutdruckregulierende und krampflösende Wirkstoffe.


Als Kaltauszug ansetzen 

Am einfachsten lässt sich aus dem Kraut ein Tee zubereiten, der wie bei allen schleimstoffhaltigen Heilpflanzen als Kaltauszug – am besten über Nacht – angesetzt wird. Zum Trinken wird er dann nur noch erwärmt, nicht gekocht. Um den Geschmack zu verbessern oder die Wirkung noch zu ergänzen, kann man andere Heilkräuter zumischen, wie die beruhigende Melisse, den anregenden Rosmarin oder den herzstärkenden Weißdorn.
„Das ist etwas umständlich, denn Letztere werden erst vor dem Erwärmen in den Mistelkaltauszug gegeben und müssen dann zehn Minuten ziehen“, so die Expertin. „Als Alternative dazu bietet sich an, mit dem klein geschnittenen Mistelkraut und hochprozentigem Alkohol eine Tinktur herzustellen. Von dieser Tinktur tropft man dann mit einer Pipette ein paar Tropfen in den aufgebrühten Melissen- oder Rosmarintee hinein.“
 

Weisse Perlen

Die klebrig-schleimigen, kugelrunden Früchte reifen erst im Dezember an den reich verästelten Mistelbüschen heran. Sie sehen wie kleine weiße Perlen aus und enthalten geringe Anteile von giftigen Stoffen, die in der Krebstherapie eine sanft begleitende Rolle spielen.
 

Für die Weihnachtsdeko

„Der Verzehr von ein paar Beeren ist in der Regel harmlos, größere Mengen davon können jedoch den Magen reizen und krampfartige Bauchschmerzen sowie Brechdurchfall auslösen. Für kleine Kinder sollten die gesammelten Büschel und Zweige, die sich ganz wunderbar für weihnachtliche Dekorationen und Gestecke verwenden lassen, deshalb nicht erreichbar sein“, empfiehlt die Allgäuer Heilpflanzenexpertin Bertlies Adler abschließend.
 

Mistelöl bei Rheuma

Zutaten:
  • 2 Handvoll Mistelkraut
  • 100 g Leinöl
  • 50 ml Jojobaöl

Zubereitung: 
  1. Blätter und  dünne Stiele der Mistel klein schneiden und in ein Glas geben.
  2. Leinöl und Jojobaöl mischen und die Pflanzenteile damit übergießen. Das Öl soll die Blätter mindestens 2 cm überdecken. Nun das Glas an ein Ostfenster stellen und 3 Wochen ausziehen lassen.
  3. Das tägliche Schütteln ist hier sehr wichtig, damit das Mazerat nicht schimmelt. Danach durch ein Tuch abseihen und kühl und dunkel aufbewahren.
Das Öl ist mindestens 6 Monate haltbar.

Anwendung: 
Eine Kompresse im Mistelöl tränken und auf die schmerzende Stelle auflegen. Der Umschlag lindert die Schmerzen und kann auch bei Geschwüren und Ekzemen angewandt werden.
Außerdem benötigt man es zur Herstellung der Mistelsalbe.

Viele weitere Rezepte und Anwendungstipps finden Sie in der aktuellen Ausgabe der LandIDEE.


 
Text von Angelika Krause
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Fotos: 
Birgid Allig
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