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Kerbschnitzerei

Mit dem Messer ins Holz gehen, Ornamente herausarbeiten, der Fläche Struktur und Tiefe geben: Die Kerbschnitzerei ist ein Handwerk, das Ruhe braucht und keine Fehler duldet.

Es ist eine alte Kunst, die dem Drang des Menschen entspringt, das zu verzieren, was er um sich hat. Seit die Hütte die Höhle als Wohnraum abgelöst hat, seit Besitz ins „mein“ und „dein“ unterteilt wird, schnitzen die Menschen ihre Zeichen in Holz. Mit Messern werden Kerben geschlagen, die von Bau und Glauben erzählen, von Stolz und Eigentum. Kerben sprechen. Gab es eine Schuld zu dokumentieren, wurde ein Stab geritzt, den sich Schuldner und Gläubiger aufspalteten – noch heute hat man „was auf dem Kerbholz“.

Weltweite Ursprünge
An Fassaden und Türstöcken Zeugnis abzulegen, ist kein rein deutsches Phänomen. Die Kelten haben es getan, auch bei den Arabern war es Tradition. Doch nur bei uns sind so viele Häuser, aus kulturellen wie klimatischen Gründen, erhalten geblieben, sodass man heute noch durch Innenstädte spazieren kann, deren Balken Geschichten erzählen. Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit Fachwerk- und Kerbschnitzereien ist die Fachwerkstraße, die das Land 2800 Kilometer von Norden nach Süden (oder umgekehrt, je nach Sichtweise) durchzieht. Hierbei handelt es sich um einen losen Zusammenschluss von fast 100 Ortschaften, die Stadtkerne mit alter Bausubstanz besitzen. Auf Kopfsteinpflaster kann man hier durch kleine Gassen wandeln, hölzerne Köpfe und weiß getünchte Sinnsprüche in den Balken bewundern.

Diese Inschriften entstanden mithilfe eines Schultermessers – dafür wurde die Klinge des Kerbmessers als Heft genommen und in einen langen gebogenen Holzstab gesteckt, den der Schnitzer auf seiner Schulter abstützen konnte, um mehr Kraft und Sicherheit bei der Arbeit zu haben.
Kerbschnitzerei ist allerdings nicht nur etwas für den Häuserschmuck. Es ist Tradition, damit auch Gebrauchsgegenstände zu verzieren, vom Stuhl bis zur Truhe, vom Löffel bis zur Krippe. Jemand, der sich damit auskennt, ist Hans-Ulrich Schröder.

Vor Ort in Fürstenwalde
Besucht man das Ehepaar Schröder in der kleinen Gemeinde außerhalb von Berlin, ist man zunächst einmal überwältigt von den vielen Werkzeugen, Schnitzereien und antiken Gegenständen, die vom Garten bis ins Wohnzimmer eine museale Stimmung verbreiten. Alte Hobel, Kannen, Wasserpumpen und Messer füllen das kleine Haus.

Die Gartenmauer hat Schröder aus den Steinen einer alten Scheune selbst gemauert, die große Wand im Esszimmer besteht aus den Bohlen eines abgerissenen Bauernhauses, die er liebevoll restauriert hat: „Ich bin als Handwerker viel unterwegs. Das haben mir die Leute einfach so geschenkt – bezahlen musste ich für keines der Teile.“
Schröder ist ein echter Selbermacher mit vielen Talenten. Sogar die Fräsmaschine in seinem Fachwerkschuppen hat er aus anderen Maschinen stückweise zusammengebaut. „Das war vor mehr als 20 Jahren, die läuft immer noch“, sagt er nicht ohne Stolz. „Holz hat mich immer fasziniert“, erklärt der sympathische Autodidakt. Er zeigt ein paar Fotos, auf denen er als Kind mit Hammer und einer genagelten Obstkiste zu sehen ist: „Schon als Kind war ich ein echter Holzwurm.“

Vor ein paar Jahren begann Schröder, sich für Schnitzarbeiten zu interessieren, für Fachwerk und Kerbschnitzerei. Er beschaffte sich Bücher, das richtige Werkzeug, und begann damit, Ornamente in weiche Erle zu schnitzen.Dabei kam ihm zugute, dass die Kerbschnitzerei in Deutschland und Skandinavien seit jeher als Hauskunst ein beliebtes Hobby war und keine komplizierte Ausbildung erfordert. Neben dem Holz, den Kerbmessern und einem guten Auge braucht die Arbeit eigentlich nur ausreichend Fleiß und Disziplin.

Schröder hielt sich ran. Es entstanden verzierte Firmenschilder, Pfosten, Stühle. Schließlich fertigte er auch Füllungen für Fachwerkhäuser. Für dieses Projekt griff er auf eine ungewöhnliche Quelle zurück: „Ich kam an Treppenstufen aus einem Speicher in Jacobsdorf heran. Kiefer, 120 Jahre alt.“

Ein Projekt für Jahre
Mittlerweile arbeitet Schröder aber mit Vorliebe an seinem Meisterstück – einem Festtagstisch von fast drei Meter Länge, der jedem mittelalterlichen Schloss zur Ehre gereichen würde. Die aufwendigen Beine und Seitenteile sind fertig – hier hat er ein Frauengesicht ebenso verewigt wie mehrere Drachen.

Eine wiederkehrende Sonne symbolisiert dabei Licht, Glück und Leben. „Einer besonderen Epoche fühle ich mich nicht verpflichtet“, sagt Schröder. Im Gegenteil: Der Kerbschnitzer holt sich die Inspirationen, wo immer er sie findet. „Manchmal sehe ich Muster in alten Büchern, ein andermal entdecke ich ein schönes Detail an einem Stuhl, den ich geschenkt bekommen habe.“ Das überträgt er dann in seine reich verzierten Projekte.
Immer wieder holt er sich Tipps von anderen Enthusiasten: „Zuerst wollte ich die Tischplatte mit Eisen umfassen. Aber dann hat mich ein Kollege überzeugt, dass Holz besser zu Holz passt. Außerdem kam mir die Idee, dass härteres Nussholz bei den Einlegearbeiten und den Seitenteilen einen schönen Kontrast ergibt.“ 115 Kilo wird der Tisch am Ende wiegen, wenn er fertig geschnitzt und geölt ist.

Wenn man Hans-Ulrich Schröder bei der Arbeit zusieht, versteht man, was ihn am Holz so fasziniert – und warum er sich so viel Zeit lässt. An dem Tisch sitzt er nun auch schon eine ganze Weile: „Es ist mein dritter Winter mit diesem Projekt, bis Ende 2012 wird es noch dauern, bis er fertig ist. Danach mache ich mich an die Stühle. Ich rechne mit zwei pro Saison. Wenn Sie also alles komplett sehen wollen, sollten wir einen Termin in acht Jahren ausmachen.“ Er lacht freundlich. Und meint es ernst.
Torsten Dewi

 
Fotos: Bodo Mertoglu
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