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Holzpferde mit Tradition

100 Jahre Tradition: 23 Familien fertigten einst im Odenwalddie beliebten Holzpferde. Übrig geblieben ist davon nur Harald Boos, der diese Tradition weiterführt und dabei auf klassisches Handwerk schwört.

Es war einmal – so könnte man die Geschichte der Gäulschesmacher durchaus beginnen. Denn sie reicht fast zweihundert Jahre zurück, und nimmt ihren Anfang in schweren Zeiten, als die Holzdreher und Horndreher im Odenwald immer weniger zu tun hatten. Große Maschinen nahmen ihnen die Arbeit und sie brauchten neue Einnahmequellen, um ihre Familien zu ernähren. Der Legende nach sah einer von ihnen auf einem Volksfest ein Holzpferd und nahm es als Vorlage mit heim.

Daraus entwickelte sich bald ein typisches und sehr beliebtes Odenwälder Gäulsche mit Apfelschimmelmuster und rotem Sattel. Die Konzentration auf ein Modell (in verschiedenen Größen) war der Notwendigkeit geschuldet: Die Abnehmer wollten einheitliche Pferdchen. Um das zu garantieren, schickten die Gäulschesmacher, wie sie bald überall im Land hießen, ihre Söhne einander gegenseitig in die Lehre.

TIERISCHE GESCHÄFTSIDEE
Der Erfolg ließ nicht auf sich warten: Bald gab es neben den Schaukelgäulchen auch Steckenpferde, rollende Varianten und sogar Gäulchen mit Karren (z. B. für Puppen). Als das 20. Jahrhundert anbrach, lebten ganze 23 Betriebe in der Region von diesen Holzpferden.Aber es war kein Erfolg von Dauer. Das neue Jahrhundert brachte Blechspielzeug und dann Plastik in die Kinderzimmer. Holz war nicht mehr angesagt, galt als altmodisch und hausbacken.

„Viele der Gäulschen, die ich heute baue, kommen nicht in Kinderhände, sondern als typisches Souvenir der Gegend in die Vitrine“, gibt Harald Boos zu, der mit seiner Frau Annette Krämer die letzte Werkstatt führt, in der noch Holzpferde hergestellt werden. Das kleine Geschäft am Rande von Beerfurth hat Tradition. 1899 wurde es von Adam Krämer gegründet, der es 1948 an seine Söhne weitergab. In schwierigen Zeiten drechselte und leimte man hier auch schon mal Schaukelstühlchen für 5,90 Mark das Stück.

Am Leben gehalten wurde die Pferde- Werkstatt auch durch Auftragsarbeiten für Möbelschreiner, z. B. Tischbeine. Philipp Adam Krämer übernahm das Geschäft 1961, modernisierte es und lieferte auch an Großkunden. Anfang der 70er-Jahre wandelte sich die Kundschaft jedoch und immer mehr Menschen fragten aus nostalgischer Erinnerung nach den Gäulsches ihrer Kindheit.

Das Haus bekam ein Schaufenster und fortan wurde direkt verkauft. Oft halten vorbeifahrende Ausfl ügler an und kommen spontan herein, weil das Holzspielzeug sie anspricht. Und damit sind wir in der Gegenwart angekommen: Seit 1997 betreibt Harald Boos mit seiner Frau Annette die Werkstatt und das Geschäft seines Schwiegervaters. Der Senior selbst kommt oft noch in die Werkstatt, um mitzuhelfen. Harald Boos erklärt den praktischen Unterschied der Arbeitsweisen zwischen den Generationen: „Früher war das Holz teuer und die Arbeitszeit billig. Da hat der Schwiegervater viel Zeit darauf verwandt, jedes noch so kleine Stück Holz irgendwie zu verwenden.

Heute ist das Material preiswert zu haben und bei den aktuellen Stundenlöhnen muss ich nicht jedes Astloch mühsam hinschleifen. Das lohnt sich einfach nicht.“ Ein Besuch in der Werkstatt ist fast wie eine Reise zu „Meister Eder und seinem Pumuckl“. Das sympathische Ladengeschäft ist vollgestellt mit Pferdchen und Wagen, Holzeisenbahnen und sogar naturbelassenen Kochlöffeln.

GUTER ROHSTOFF HOLZ
Eine kleine Treppe führt hinunter zum Holzlager – vom Baumstamm bis zum fertigen Pferdchen kümmert sich Boos um alles selbst. Mit der gigantischen uralten Gattersäge schneidet er Stämme zu Brettern, die Bretter zu Balken und aus den Balken dann die Bestandteile der Pferdchen: der Rumpf aus Pappel, Kopf und Standbrett aus Kiefer, Buche für die ausgesägten Beine und Kufen. Letztere werden im Hinterzimmer ganz klassisch dampfgebogen. Immer in der Werkstatt mit dabei ist die entspannte Hündin Gina, die am liebsten auf Holzspänen schläft und sich auch von der kreischenden elektrischen Säge nicht aus der Ruhe bringen lässt.

ALTE TRADITION, NEUE IDEEN
Harald Boos achtet darauf, die Balance zwischen Tradition und Moderne aufrechtzuerhalten: Auf der einen Seite passt er die Modelle sacht dem Zeitgeist an – ein Hasengespann ist ein schönes Beispiel dafür, oder Gäulschen nicht in Weiß, sondern in Naturfarben.

Er ist durchaus experimentierfreudig: Er hat auch mal Schwerter aus Holz gefertigt. Daneben ist aber auch die über hundertjährige Firmengeschichte für ihn Tradition und Verpfl ichtung: „Die Musterkiste des Urgroßvaters Adam Krämer hat sich als wahre Schatztruhe herausgestellt. Da werde ich in den nächsten Jahren noch einiges nachbauen, das als verloren gilt.“ Doch das Muster der Gäulschen bleibt ewig gleich: Es stammt noch vom Firmengründer selbst, dessen Name weiterhin über der Tür steht.

Auch wenn Harald Boos die Tierfi - guren mittlerweile im Schlaf montieren könnte: Für Inspiration braucht er nicht weit gehen. Auf der Wiese hinter der Werkstatt laufen ein paar Enten herum, eine Katze – und zwei waschechte „Gäulsches“ aus Fleisch und Blut. „Das sind Georgio und Gusti“, erklärt Harald Boos. „Sie helfen uns, die Holzstämme zur Werkstatt zu bringen.“ Aber nicht nur das: „Kürzlich haben wir in England eine Kutsche gekauft. Die Pferde spannen wir am Wochenende davor, und ab geht es übers Land.“
Torsten Dewi

 
Beim Gäulschesmacher (Fotos: Nick Stand)
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