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Flechtkunst aus Weide

Das Flechten von Ruten und Fasern ist einer der ältesten Handwerksberufe. Michael Bähr betreibt im malerischen Bad Sooden-Allendorf dieses traditionelle Handwerk.

Michael Bähr hält die festen Weidenruten prüfend nebeneinander: „Ich könnte fünf nehmen. Ach was, nehme ich einfach mal sechs.“ Er legt die Ruten über Kreuz und beginnt sie in der Mitte straff mit biegsameren, weichen Weiden zu umwickeln. Dann knickt er die sechs Ruten sternförmig um, sodass sie wie zwölf Stacheln abstehen. Es ist die Grundlage des Korbes, den er für uns flicht. Sein Arbeitsplatz ist eine schwere Holzplatte, die von ihm weggekippt auf dem Boden steht. Darauf kann er den Boden seiner Flechtarbeiten fi xieren und dann in entspannter Körperhaltung die Weidenruten zurechtbiegen. Er arbeitet ruhig, plaudert dabei freundlich, streichelt immer wieder mal seine beiden Hunde Andrew und Duke.

Plötzlich hält er inne, zieht eine Weidenrute aus dem Gefl echt und legt sie zur Seite. Der Grund: eine kleine schwarze Stelle auf der Oberfläche: „Da war der Weidenrüsselkäfer dran, ein Schädling. Diese Rute hält nicht.“

Immer wieder greift er zu einer Sprühflasche, um die Weidenruten anzufeuchten – nur so lassen sie sich verarbeiten, ohne zu brechen. Der Korbrand wächst in erstaunlicher Geschwindigkeit. Die Rumpfkimme fixiert die Ruten gleichmäßig nach oben, der „Zuschlag“ sorgt für einen stabilen Abschluss. Mit dem Pfriem hebelt er dafür die eng anliegenden Ruten auseinander.

Nach kaum einer Stunde zwackt Michael Bähr die letzten überstehenden Enden ab. Er dreht das Ergebnis seiner Arbeit prüfend hin und her, fährt mit der Hand über die Oberfläche: „Daran erkennt man die Qualität. Es steht nichts raus, sitzt nichts locker. Damit können Sie an einer Feinstrumpfhose reiben, ohne dass sie eine Laufmasche bekommt.“ Er lacht. Es bleibt kein Zweifel, dass er stolz ist auf sein Handwerk.

Seine Handarbeit steht für Qualität. In einer Ecke seines Ladens hat Bähr einige Bunde Weidenruten stehen, an denen er die verschiedenen Strukturen des Naturprodukts erklärt. Die grüne Weide ist noch ungeschält. In diesem Zustand wird sie meistens für robuste Arbeitskörbe verwendet. Doch dafür muss sie erst bis zu vier Wochen eingeweicht werden: „Die Schale ist wie Plastikfolie, da kommt praktisch nichts durch.“

VIELFALT WEIDE
Im Kunsthandwerk bei Weitem häufiger verarbeitet wird die geschälte Weide, auch „weiße Weide“ genannt. Sie muss nur zwei bis drei Stunden einweichen, bevor sie zum Flechten bereit ist. Ein besonderer Fall ist die „gesottene“ Weide.

Sie wird vor dem Schälen erhitzt, was die Schale aufplatzen lässt. Dabei wird Salicylsäure frei, welche die Ruten braunrot einfärbt. Arbeitet Michael Bähr mit geschälter Weide, bevorzugt er wie die meisten seiner Kollegen die sogenannte Amerikanerweide (Salix americana) wegen ihres seidigen Glanzes und gleichmäßigen Wuchses. Bei ungeschälten Weiden greift er zur Mandelweide, Steinweide, Purpurweide oder Hanfweide.

BESUCH IM MÄRCHENLAND
Die Familie Bähr hat ihr kleines Ladengeschäft mitten in der historischen Altstadt von Allendorf, das seit 1929 zum Kurort Bad Sooden in Hessen gehört.

Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Nicht ein Haus unterbricht die endlose, fast puppenstubenartige Reihe von Fachwerkfassaden. Ein Schritt durch die alten Stadtmauern ist wie ein Schritt ins Mittelalter. „Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde der Ort durch Brände zerstört, dann binnen zehn Jahren fast komplett wieder neu aufgebaut, alles im gleichen Stil“, erklärt Bähr. „Und so ist es auch geblieben.“

Es verwundert nicht, dass der Komponist Franz Schubert sich hier der Legende nach zu seinem Klassiker „Am Brunnen vor dem Tore“ inspirieren ließ.

HANDWERK MIT GESCHICHTE
Seit dem 13. Jahrhundert ist Allendorf aktenkundig. Es passt gut, dass hier das Flechthandwerk noch ausgeübt wird, gehört es doch zu den ältesten Tätigkeiten, die der sesshaft gewordene Mensch kennt. Schon die Hütten unserer Urväter waren aus Schilf gefl ochten, um Schutz vor Wind und Wetter zu bieten.

In Deutschland war die Korbfl echterei lange Zeit ein Notberuf, oft genug für arme Menschen – den Rohstoff konnte man sich selbst in Feuchtgebieten besorgen, spezielle (teure) Werkzeuge waren nicht nötig und die fertige Ware ließ sich relativ leicht von Hof zu Hof schleppen oder auf Märkten anbieten.

Doch die Konkurrenz war meist der Kunde selbst: In vielen Bauernfamilien war es üblich, im Winter Körbe zu fl echten, in denen zur Ernte das Obst oder Gemüse gesammelt werden konnten. So kam es, dass sich freischaffende Korbfl echter auf immer schwierigere Produkte konzentrierten, die nicht jeder herstellen konnte. Das aufwendige Handwerk wurde so quasi aus der Not geboren.
Das Weidenschälen war damals noch eine sehr mühselige Arbeit: Jede Rute musste von Hand mit einer „Kuppe“, einer kleinen Klinge, abgezogen werden. Für besonders feine Flechtarbeiten kamen Ruten in den Weidenspalter, in dem sie in drei Teile gespalten wurden. Am Weidenhobel konnten dann noch dünnere Schienen abgezogen werden. Diese Arbeit erforderte viel Feingefühl. Die ganze Familie fasste mit an. Teils dauerte es ein halbes Jahr, bis Weidenruten zu Körben verarbeitet werden konnten.

Der Verkauf war Knochenarbeit: In Gegenden mit vielen Weiden gab es traditionell ein Überangebot an Korbwaren, daher mussten die Männer ihre Familien oft
monatelang allein lassen, während sie mit ihren Karren über Land zogen und die Waren anboten. Man nannte das „auf die Raas gehen“.

VON DER SCHINDEREI ZUM TRADITIONSBERUF
So hart ist das Leben für die verbliebenen Korbfl echter heute erfreulicherweise nicht mehr. Michael Bährhat das Handwerk ganz professionell in Lichtenfels in Bayern gelernt, der „deutschen Korbstadt“. Dort gibt es die einzige Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung. Während der Ausbildung hat Bähr auch seine Ehefrau kennengelernt, die ihm heute manchmal zur Hand geht. Gemeinsam entschieden sie sich, nach Allendorf zu ziehen – übrigens fast der genaue geografische Mittelpunkt Deutschlands.

Der Flechter ist auch immer bestrebt, sein Wissen weiterzugeben, den Menschen alles über die Korbfl echterei beizubringen. In seinem Laden bietet er in Gruppen Flechtkurse an und als „lebendige Werkstatt“ kann man ihn für Vorführungen buchen. Auch auf traditionellen Märkten ist er zu fi nden. Die Kunden sind fasziniert, wenn ein Korb vor ihren Augen entsteht, wenn sie jeden Arbeitsschritt miterleben können.

Bereut hat Bähr die Berufswahl nie: „Die Flechterei ist meine Berufung, sie macht mich glücklich.“ Dann setzt er sich wieder an die uralte hölzerne Arbeitsplatte und greift ein paar feuchte Weidenzweige: „Jetzt könnte ich mal wieder einen mit vier Ruten machen ...“
Flechtkunst aus Weide (Fotos: Peter Raider)
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