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Anleitung

Feine Fäden

An ihrem allerersten Knäuel Wolle wäre sie beinahe verzweifelt. Heute ist Judith Koch eine Meisterin am Spinnrad – und ihre Leidenschaft für die alte Handwerkskunst ansteckend, wie uns ein Besuch bei ihr offenbart hat. 
Spinnrad © Birgid Allig, Peter Raider


Nein, wie ein Kätzchen schnurrt dieses Spinnrad wirklich nicht. Aber das wunderbar rhythmische Knarren, das unser Gespräch begleitet, ist so heimelig und gemütlich, dass man es schon nach kurzer Zeit nicht mehr missen mag. „Ich wollte unbedingt ein ganz altes Spinnrad haben“, erklärt Judith Koch. „Eines, das Charakter hat und mich mit seinem Quietschen und Knarzen an die geheimnisvollen Märchen aus meiner Kindheit erinnert. Meist sind die alten sogar günstiger als die neuen, für die man 200 Euro und mehr anlegen muss – die dafür aber leiser sind.“ Das handgedrechselte Prachtstück in ihrem Besitz hat sie in einem Online-Auktionshaus erworben. Aber Vorsicht: Dort werden auch viele Deko-Spinnräder angeboten, die zwar schön aussehen, aber nicht funktionieren. Die passionierte Handarbeiterin rät außerdem, sich für die ersten Versuche eine einfacher zu bedienende und nicht so teure Handspindel zuzulegen: Beim Arbeiten mit diesem Gerät entdeckt man schnell, ob man sich tatsächlich fürs Spinnen begeistern kann. Denn aller Anfang ist schwer – das musste auch Judith Koch erfahren, als sie vor Jahren von einer Freundin zu Weihnachten eine von ihr selbst hergestellte Handspindel und 50 Gramm unversponnene Schafwolle geschenkt bekam.


Schwangere Regenwürmer
„Das war eine echte Katastrophe“, erinnert sie sich. „Von feinen Fäden keine Spur. Stattdessen ähnelte mein erstes Knäuel eher einer endlosen Kette von schwangeren Regenwürmern. Mal war das Garn dick, dann wieder dünn und dann ganz dick… Ich habe es aber nicht übers Herz gebracht, es wegzuschmeißen. Es sieht so schrecklich aus, dass es fast schon Kunst ist.“ Heute weiß sie, dass es darauf an kommt, die Fasern möglichst gleichmäßig aus dem Vlies – so nennt man die gewaschenen und kardierten Schafhaare – herauszuzupfen. Deswegen empfiehlt es sich, dieses vor dem Spinnen leicht auseinanderzuziehen, damit die Haare nicht mehr so dicht aneinanderliegen. Dafür nimmt man die Fasern am besten locker in die Hand und ruckelt daran. Ein weiteres Ärgernis für Anfänger: Ständig reißt der Faden. Das passiert, wenn er auf der Spindel nicht gleichmäßig genug im Uhrzeigersinn gedreht wird.

Der Ehrgeiz war geweckt
Judith Koch: „Das war schon ziemlich frustrierend. Aber mein Ehrgeiz war geweckt – und nach insgesamt vier bis sechs Stunden hat es endlich geklappt! Ich weiß noch genau, wie sehr ich mich damals über den ersten annehmbaren Faden gefreut habe!“ Dazu noch ein Tipp: Es ist ganz normal, dass sich das Garn einkringelt, wenn es nicht mehr gespannt ist. Um das zu verhindern, gibt man das Material auf eine Haspel – eine Vorrichtung zum Auf- und Abwickeln von Fäden oder Drähten – und sprüht es mit Wasser an. Nach dem Trocknen ist das gesponnene Garn nicht mehr überdreht und kann zu einem Knäuel aufgewickelt werden. Diese Spannung lässt sich ebenso beseitigen, indem man zwei gesponnene Fäden verzwirnt und sie dabei in der jeweils entgegengesetzten (ganz wichtig!) Richtung verbindet. Das klingt kompliziert, ist aber einfach. Auf der besonders empfehlenswerten Internetseite www.chantimanou.de gibt es eine hervorragende YouTube-Anleitung dazu. Dort sind auch viele Videos zu weiteren Themen zu finden, die Spinnerinnen und solche, die es werden wollen, interessieren.


Mit dem eigenen Garn stricken

Der Vorteil der Handspindel ist offensichtlich: Man kann sie überallhin mitnehmen, und bei einem Plausch mit den Freudinnen spinnt es sich sowieso doppelt so angenehm. Da Judith Koch sehr viel Wolle verstrickt, ist sie jedoch relativ schnell auf das Spinnrad umgestiegen. Damit schafft sie in einer halben Stunde 100 Gramm verzwirnte Wolle für ihre wunderbaren Kreationen – neben Pullovern, Schals und anderen Sachen zum Anziehen fertigt sie auch einfallsreiche Wohnaccessoires an. Drei ihrer Modelle aus selbst gesponnener Wolle sind oben zu sehen. „Es ist so ein schönes und befriedigendes Gefühl, mit dem ,eigenen‘ Garn zu stricken. Oft weiß ich schon vorher, was ich mit der Wolle machenn will. Manchmal entwickelt sich eine Idee aber auch 
erst, wenn ich ganz entspannt am Spinnrad sitze und die Gedanken schweifen lasse“, erklärt sie. Aber Vorsicht: Diese Leidenschaft ist ansteckend. Wer das harmonische Spiel mit Spindel, Spinnrad und dem wunderbar weichen Schafwollvlies beobachtet, möchte es Judith Koch sofort nachmachen. Diese Vliese bezieht sie übrigens über www.wollmeister.de. Dort wird unter anderem ein Beutel mit Schafwolle aus aller Herren Länder angeboten, damit man mal ausprobieren kann, wie unterschiedlich diese Wolle oft ist. Ein günstiges Anfängerset gibt es auch auf der weiter oben angegebenen Website. Von Schafwolle aus Australien wird jedoch abgeraten, weil die Tierhaltung dort kaum kontrolliert wird. Seit ein paar Wochen, als sie die Recherchen für ihr Buch „Alte Heiler. Ein neuer Weg zu den Wildkräutern“ (Freya Verlag, 19,90 Euro) abgeschlossen hatte, spukt der ausgebildeten Kräuterpädagogin ein neuer, sehr interessanter Einfall im Kopf herum: Einige der darin vorgestellten heimischen Pflanzen wie die Schafgarbe oder die Goldrute wurden von unseren Vorfahren zum Färben von Wolle und anderen Textilien verwendet. Das wird sie demnächst ausprobieren. 

hier können Sie die Anleitungen downloaden:

1. Gefilzte Hauspantoffeln mit Ledersohle Größe 40





2. Aurora-Sternkissen 

 





















3. Wärmflaschenbezug


















 

Text von Angelika Krause
Wohnen & Deko Ausgabe 06/16 Jetzt abonnieren!
Fotos: 
Birgid Allig, Peter Raider
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