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Die Trottellumme

Das Licht der Welt erblickt die Trottellumme auf den schmalen Felsvorsprüngen schroffer Steilküsten. Doch eigentlich sind die Weiten des Meeres ihr Zuhause. Um dorthin zu gelangen, steht den Jungtieren kurz nach dem Schlüpfen der Lummensprung bevor.

Eigentlich weiß das jedes Kind: Wer einen Pinguin in freier Wildbahn beobachten möchte, muss die Südhalbkugel der Erde bereisen. Doch wer in den Monaten Mai und Juni nach Helgoland kommt, kann auf der Nordseeinsel einen Vogel zu Gesicht bekommen, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht: die Trottellumme. Wie er trägt sie einen schwarzen Federfrack über dem weißen Bauch, watschelt an Land etwas tollpatschig und ist unschlagbar im Schwimmen und Tauchen.

Doch trotz der Ähnlichkeit ist sie mit dem Pinguin nicht verwandt, sondern gehört zu den Alkenvögeln, die auf der Nordhalbkugel zu Hause sind. Der Lebensraum der Trottellumme ist das Meer, wo sie die meiste Zeit des Jahres verbringt. Nur in den Frühsommerwochen lässt sie sich in großen Kolonien auf steilen Felsklippen nieder, um dort ihren Nachwuchs auszubrüten. Ein ganz besonderes Naturschauspiel, das man in der Bundesrepublik nur auf dem Helgoländer Lummenfelsen, Deutschlands einzigem Hochseevogelfelsen, beobachten kann.

Anstrengende Brutpflege
In der Brutzeit kommt der Trottellumme ein Vorteil zugute, der dem Pinguin im Laufe der Evolution verloren gegangen ist: Sie kann fliegen. Das nutzt sie, um ihr Ei in schwindelerregender Höhe auf einem Felsvorsprung der steil abfallenden Küste abzulegen und es dort auszubrüten. Dabei legt der Meeresvogel auf eine gemütliche Kinderstube wenig Wert: Das Ei wird direkt auf dem nackten Felsen platziert. Beim Brüten wechseln sich Vater und Mutter ab. Während der eine das Ei auf seine Füßen bettet, geht der andere auf Nahrungssuche.
Ist das Küken geschlüpft, beginnt für die Eltern die Zeit des Huderns: So nennen es die Vogelexperten, wenn die Altvögel ihren Nachwuchs in ihrem Bauchgefieder verbergen und ihn so vor der Witterung und dem Sturz in die Tiefe schützen. Nach etwa drei Wochen ist das Küken so weit herangewachsen, dass es für die Eltern zu beschwerlich wird, ihren Nachwuchs hoch oben auf dem Felsen mit Nahrung zu versorgen. Trottellummen können zwar fliegen, doch es kostet sie enorm viel Energie. Als sogenannte Flügeltaucher sind ihre Flügel eigentlich mehr für den „Flug“ unter Wasser ausgebildet, als für das Fliegen in der Luft.

Diesen Nachteil gegenüber anderen Seevögeln, die mit dem Fliegen weniger Schwierigkeiten haben, müssen die jungen Trottellummen durch ein mutiges Spektakel ausgleichen: den Lummensprung. Für das Küken, das noch sein Daunenkleid trägt und nicht flugfähig ist, dürfte dies der wohl spannendste Moment in seinem noch kurzen Leben sein: Es muss vom Brutfelsen bis zu 50 Meter in die Tiefe hinabspringen, um von da an auf dem offenen Meer weiter versorgt werden zu können.

Mutiger Sprung in die Tiefe
Meist in der Abenddämmerung (was das Fotografieren der Aktion nahezu unmöglich macht) warten die Vogel-eltern unterhalb des Brutfelsens und locken ihr Kind mit ihren Rufen. Doch das Küken springt nicht sofort, sondern tastet sich langsam an den Abgrund heran. Dann, meist nach vielen Stunden des Zögerns und Zauderns, fasst es sich ein Herz und stürzt sich in die Tiefe.

So halsbrecherisch das auch klingt: Dieser Sprung geht in den meisten Fällen glimpflich aus. Das dichte Federkleid wirkt wie ein Fallschirm, der sich aufbläht und das Jungtier vor einem zu heftigen Aufprall auf dem Wasser oder Felsen schützt. Ist der waghalsige Sprung gesund und munter überstanden, müssen Eltern und Vogelkind wieder zueinanderfinden. Dies gelingt wiederum durch die charakteristischen Rufe, die beide Seiten von sich geben und anhand derer sie sich gegenseitig erkennen können.

Etwa Mitte Juni kann man den Lummensprung im Naturschutzgebiet auf Helgoland in freier Wildbahn beobachten. Die Kurverwaltung Helgoland organisiert in dieser Zeit naturkundliche Führungen, in denen ein Vogelexperte alles Wissenswerte über die Brutkolonien erklärt und mit Ferngläsern ausgerüstete Besucher an jene Stellen begleitet, von denen aus der tollkühne Sprung der mutigen Trottellummenküken beobachtet werden kann.

Von Christine Neudert
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