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Die Tanzlinde

Hier finden Sie exklusive Zusatzinfos über Tanzlinden abseits der im Heft gezeigten Tanzlindenroute, die es sich zu besuchen lohnt.
Von Torsten Dewi

Unter ihnen wurden Ehen geschlossen, Recht gesprochen und zum Frühling fest gefeiert: Die ältesten Linden Deutschlands sind seit Jahrhunderten Mittelpunkte vieler kleiner Dörfer.
Es ist nicht nur die Größe, die der Linde ihre Erhabenheit verleiht – es ist ihre scheinbare Ewigkeit. Für alle Zeiten fest im Boden verankert steht sie da, manchmal Jahrhunderte, prägt und beobachtet mit eherner Ruhe das Treiben der Menschen um sie herum. Weil sie eine fixe Größe ist, die über Generationen und Landstriche hinweg ein jeder kennt, wird sie fast automatisch der Ort, an dem man sich triff t, an dem wichtige Absprachen getroffen werden. Schon in germanischer Zeit wurden die Thingversammlungen gern im Schatten von Linden abgehalten.

METHUSALEM DER NATUR
Fällt die Linde nicht dem Sturm, dem Schädling oder der Säge zum Opfer, kann sie ein fast schon mythisches Alter erreichen: Die Tanzlinde im Herzen von Schenklengsfeld in Osthessen wurde von Forschern als der älteste Baum Deutschlands identifiziert: Unglaubliche 1200 Jahre ist sie vermutlich alt! Der Legende nach soll sie sogar schon 760 n. Chr. zu Ehren des Ritters Sankt Georg gepflanzt worden sein. Damals hieß der Ort noch Lengisfeld. Die Linde hat alle Könige, Kriege und Reiche überdauert. Von der Zeit gebeugt wirkt sie zwar heute, mit gespaltenen Stämmen, die ohne Stützen kaum zu halten wären, aber jeden Frühling blüht sie aufs Neue, als wäre es ihr erstes Jahr, zieht Menschen genauso an wie Bienen und Hummeln, die sich an ihren Blüten freuen. Für die Menschen von Schenklengsfeld gehört sie als „ältester Bewohner der Ortschaft“ einfach dazu. Wie vor 100 Jahren, vor 200 oder vor 1000 – und in ferner Zukunft vermutlich immer noch. Alles geht – sie bleibt. Im Mittelalter, lange vor der Einrichtung von Rathäusern und Gerichtshöfen, war die Linde der Ort, unter dem Recht gesprochen wurde, an dem die Obrigkeit dem einfachen Bürger verkündete, was er zu tun und lassen hatte. Mitunter diente der Baum auch als Pranger. Das galt besonders in kleinen Gemeinden, die eine eigene Gerichtsbarkeit besaßen.

TANZBODEN IM BAUM
Doch die Linde ist nicht nur ein Ort von strenger Bürokratie und zähen Verhandlungen: Wie der Name „Tanzlinde“ verrät, dient sie auch der Entspannung, dem heiteren Beisammensein der Dorfgemeinschaft mit Wein, Weib und Gesang. In den meisten Gemeinden ist über den ersten starken Ästen ein Holzpodest um den Stamm gebaut, das von steinernen Säulen getragen wird, und zu dem eine Treppe führt. Dieses ist der ideale Tanzboden, auf dem junge Paare zu feuriger Musik um den Baum kreisen und schwingen können. Im Mittelalter war dieses muntere Treiben eine der besten Gelegenheiten für die jungen Bauern und Knechte, das Angebot an heiratswilligen Mädchen zu beschauen und Hand in Hand zu prüfen, ob man einen gemeinsamen Takt _ ndet. Unzählige Ehen wurden unter Linden versprochen und mindestens ebenso viele Hochzeiten gefeiert. Wurden die Tanzlinden in den letzten 200 Jahren gern dem „Fortschritt“ geopfert, müht man sich heute, die verbliebenen Exemplare zu pflegen.

EIN ORT ZUM FEIERN
Auch in Schenklengsfeld ist die Tradition erhalten geblieben: Alle zwei Jahre richtet der Ort das Lindenblütenfest aus, bei dem Trachtengruppen, Gesangvereine und historische Festzüge Szenen aus der Geschichte nachstellen. Es ist Folklore geworden – ein sympathisches Stück Heimat, das auch viele Reisende in die Gegend locken soll. Bier und Wein fließen immer noch in Strömen. Zum Abschluss des Fests gibt es ein Feuerwerk, das die ehrwürdige Tanzlinde in buntes Licht taucht. Und auch heute noch bekommt so manches fesche Mädel von einem strammen Burschen dabei den ersten schüchternen Kuss, der bald zu einer großen Hochzeit führt ... Torsten Dewi 

Die Tanzlinde (Zeichnungen: Claudia Schick)
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