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Die grosse Ernte

Die Gartenarche für traditionelle alte Sorten

Gutes erhalten, Bewährtes schätzen, Regionales stärken. Dieser Wahlspruch, der für Sie als Landidee-Leserin oder -leser sowieso gilt, scheint – wenn es um den Sortenreichtum bei Gemüse, Obst, Kräutern und Blumen geht – nicht mehr selbstverständlich.

Zunehmend strenger formulierte Saatgutbestimmungen und Hygieneregeln der EU machen es Kleinbetrieben und Naturschutzgärtnern fast unmöglich, Samen und Saatgut von guten alten Sorten in die Läden zu bringen. Auf den Feldern scheint sich die Tendenz zu den ewig gleichen Sorten zu verstärken. Dabei sind gerade die alten Arten meist regional angepasst, widerstandsfähiger und – wenn es um Essbares geht – auch schmackhafter.

Tausche Tomate gegen Rübe

„Das kann doch nicht sein”, dachten sich einige Hobby- und Naturschutzgärtnerinnen Ende der 90er-Jahre im Bergischen Land. Seit einigen Jahren trafen sie sich jedes Frühjahr zu einer Pflanzentauschbörse, um zu viel eingesäte Radieschen oder Salatpflänzchen gegen Bohnen- und Erbsenschösslinge zu tauschen.

Damals fiel ihnen auf, dass die Artenvielfalt rapide abnahm. Die Mitbegründerin der Bergischen Gartenarche Marianne Frielingsdorf: „Selbst unsere damalige Schirmherrin, die große Biogarten-Pionierin und Autorin Marie-Luise Kreuter, stieß auf taube Ohren, wenn sie in den Verlagen auf ihr Herzensthema ,Alte Sorten’ zu sprechen kam.

Sowohl sie als auch ich hatten das Glück, bereits aus der Familie der Großmütter wunderbare alte Pflanzen vererbt bekommen zu haben.” Beide, Frielingsdorf und Kreuter, wussten von jeher, dass diese Pflanzen gut gediehen, da sie regional angepasst waren.

Im Bergischen Land, mit seinem Regenreichtum und den eiskalten Wintern, gingen die neuen Sorten kläglich ein, die angeblich weniger einträglichen Gemüsepflanzen oder Obstbäume erwiesen sich dann plötzlich doch als ertragreicher und zuverlässiger.

Das Archiv im Garten

Frielingsdorf: „Dass die Sortenvielfalt schwand, lag auch daran, dass immer weniger Familien die Samen und das Wissen weitergaben, einfach deshalb, weil es mehr Monokultur, dazu eine abnehmende Zahl an Landwirten und entsprechend weniger Bauerngärten gab. Auch der Samentausch über den Gartenzaun wurde seltener, ,moderne Menschen’ kauften Saatgut im Gartencenter. Wir mussten etwas tun.”

Und so gründeten die engagierten Pflanzentauscherinnen 2001 die „Bergische Gartenarche”, die erste Gartenarche Deutschlands. Ein großer Aufruf und ein Gewinnspiel wurden in der Presse veröffentlicht: Jeder, der Pflanzen im Garten habe, die dort bereits vor 1950 stünden, möge diese oder deren Ableger doch in den Wettbewerb einbringen.

„Es gab eine riesige Resonanz, denn auch den Hobbygärtnern in unserer Gegend fiel auf, dass Altes hier besser wuchs als Neues”, so die Mitorganisatorin der Arche, Sigrid Fröhling, die die Öffentlichkeitsarbeit der Archefrauen übernahm. „Jemand kam mit einer vergessenen blauen Salatbohne, die mir bis heute Freude bereitet. Andere hatten uralte, stark duftende Rosen oder Polsternelken.”

Heute arbeiten 15 Frauen ehrenamtlich im Arbeitskreis der Gartenarchivarinnen, dazu weitere zwölf im Freilichtmuseum Lindlar, wo sie, geleitet von Marianne Frielingsdorf, einen Archegarten pflegen. Marianne Frielingsdorf hält dort zudem Seminare die Artenvielfalt hinzu: Inzwischen gehören die meisten Patente für aktuelle Sämereien einigen wenigen Konzernen, die ein zusätzliches Interesse daran haben, mit ihren Produkten andere vom Markt zu drängen.

„Fast könnte man meinen, diese Konzerne arbeiten mit der EU, die ausschließlich deren Saatgut auf dem Markt erlaubt, Hand in Hand”, so die Frauen. „Immer mehr kleine Samenhändler gehen bankrott.” Die Antwort der Gartenarche: Tausch und Samenpaten.

Fröhling: „Jedes Jahr im Frühjahr werden Samenpatenschaften vergeben. Die Gärtner verpflichten sich, die Samen, die wir ihnen aushändigen, zu pflegen und zu bewahren. Geben wir beispielsweise fünf Samenpäckchen einer alten Melissenart an fünf Gärtner, erhalten wir im Herbst zehn zurück und suchen dafür zehn neue Paten. So verbreiten sich die alten Sorten stetig und zuverlässig.”

Tauschen verboten

Auch für eine verstärkte Wahrnehmung von bestimmten Themen wie zum Beispiel das der vielfältigen, wichtigen Insekten, die oft an alte Sorten gebunden sind, arbeiten die Frauen.

So ist der Gartenarche unlängst eine junge Imkerin beigetreten, die bei Interessierten das Bewusstsein für das Bienensterben schärft. Doch erneut kämpfen die Archefrauen gegen die ganz Großen.

Frielingsdorf meint resigniert: „Derzeit ist ein Gesetz im Gespräch, das uns auch noch das Tauschen und Verschenken von Samen verbieten will.” Müssen sich die Retterinnen unserer regionalen Sorten bald heimlich im Keller treffen?

„Nicht, wenn wir viele sind”, glaubt Marianne Frielingsdorf. „Wir hoffen, dass unsere Idee reiche Früchte trägt und sich immer mehr Menschen für widerstandsfähige, wohlschmeckende oder duftende historische Gartenpflanzen interessieren.”

 

Gartenarche: Wertvolle Sorten bewahren
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