LandIDEEn

Beim Lodenwalker

Vermutlich ist es die 500-jährige Tradition, die Jörg Steiner diese Ruhe, diese Gelassenheit gibt. Im vergangenen halben Jahrtausend hat der Betrieb seiner Familie einiges durchgemacht.
Text: Alex Schütz

Und immer wieder haben sie weitergemacht. Als sich vor 80 Jahren etwa der Ramsau-Bach zum reißenden Strom wandelte und die Maschinen der Lodenwalke völlig zerstört einige Kilometer weiter im Tal angespült wurden, fing man wieder von vorne an.

Fast an der gleichen Stelle, nur ein paar Meter höher am Hang. Denn mit dem elektrischen Strom war man nicht mehr auf die Wasserkraft des Baches angewiesen – und zugleich vor seiner zerstörerischen Kraft geschützt.

Die Mischung macht’s
Das Wichtigste, und das konnte in all den Generationen der Familie Steiner niemand zerstören, sind das Fachwissen und die Erfahrung, die sich über die Jahrhunderte angesammelt haben. Dazu gehört zum Beispiel – im wahrsten Sinne des Wortes – ein gutes Händchen für die Wollmischung. Nur geschorene Wolle von lebenden Schafen kommt in Frage, sagt Jörg Steiner. Nur diese Wolle „lebt“, wie er es formuliert, sie hat einen natürlichen Fettanteil und die für das Walken wichtige Elastizität.

Steiner zeigt auf einen alten Holzbottich mit Schafswolle. Nimmt man sie in die Hand, versteht man seine Leidenschaft. Hier kratzt nichts, die Rohwolle fühlt sich geschmeidig an und legt man sie zurück, bleibt auf den Handinnenflächen ein leichter Schimmer – Wollfett. Früher haben die Schladminger Bauern zwei Mal im Jahr ihre Schafe geschoren und sind dann mit dem Pferdewagen zum Lodenwalker nach Rössing in der Ramsau gefahren.
Entweder gab es für die angelieferte Schurwolle Geld oder sie wurde ­gegen (Arbeits-)Kleidung eingetauscht. Übrigens ein Grund, warum die Lodenwalke seit Jahrhunderten über ein eigenes Wirtshaus mit deftiger Kost verfügt. Schließlich wollten die Bauern etwas Gescheites zu Essen haben, wenn sie schon die Pferde einspannten und zum Lodenwalker in die Ramsau fuhren.

Ganz so romantisch ist es heute nicht mehr. Das Wirtshaus gibt es zwar noch immer und das Tal ist idyllisch wie eh und je. Schafwolle wird aber seit den 1940er Jahren zugekauft – und zwar aus Australien (Australwolle) und Neuseeland, manchmal auch aus Südafrika (Kapwolle). Um die 30 Tonnen Wolle sind es, die von der Lodenwalke pro Jahr verarbeitet werden.

Klein und dick machen
Wer glaubt, dass Loden „nur“ der Stoff für Trachtenanzügen ist, irrt gewaltig. Loden ist, um es neumodisch zu formulieren, das Goretex des Mittelalters. Durch das Walken schrumpft das Stoffgewebe zusammen, die einzelnen Haare verfilzen untereinander, bis schließlich der wasser- und winddichte Loden entsteht. Ein Stück Schladminger Perlloden misst vor dem Walken 100 Quadratmeter. Nach dem Walkprozess bleiben 42 Quadratmeter – bei doppelter Dicke.

Gewalkt wird bei 30 Grad
Genau betrachtet, besteht die Lodenwalke Ramsau aus vier Betrieben: In der Spinnerei wird aus der Rohwolle der Faden für die weitere Verarbeitung gewonnen. In der Weberei wird aus diesem Garn ein Stoff gewoben. Und in der Färberei wird der fertige Loden gefärbt. Das Herzstück ist und bleibt aber die Walke. Die 60 Meter langen Stoffbahnen aus der Weberei, deren Enden zusammengenäht sind, werden in der Walk mehrere Stunden zusammengepresst, aneinander gerieben und laufen dabei fortwährend durch eine 30 Grad warme Seifenlauge.

Pro Walkvorgang sind dabei mehr als 5.000 Liter Wasser nötig – auch ein Grund, warum die Lodenwalke am Ramsau-Bach liegt. Den Strom, den man benötigt, produziert man sich übrigens mit zwei kleinen Wasserkraftwerken selbst.

„Am Walkprozess selbst hat sich, bis auf den Einsatz von Maschinen, in all den Jahrhunderten nicht viel verändert“, sagt Jörg Steiner, der vor sieben Jahren den Betrieb von seinem Vater übernommen hat. Und er selbst, hat er viel verändert? Die größte Veränderung des damals 23-Jährigen war, alles zu belassen. Und zwar radikal. Marketing, Werbung oder Sponsoring sieht er mit kritischen Augen, an schnelle Erfolge glaubt er nicht. „Was nach oben schießt, kracht auch wieder runter“, sagt er.

So wie der Hype um Trachtenmode vor einigen Jahren. Auch will er mit der Lodenwalke Ramsau nicht in die „Kult“-Ecke der Trachtenmode gestellt werden. Genauso wenig hat er eine Winter- oder Sommerkollektion, noch einen aufwändig produzierten Katalog. Alles, was es zu sehen gibt, steht im Verkaufsraum.

Und dort gibt es auch keinen Schluss- oder Abverkauf. Sein Credo ist schlichtweg: Gute Qualität zu einem fairen und vernünftigen Preis. So kostet ein kompletter Trachtenanzug aus Loden um die 400 Euro. Geschneidert wird übrigens ebenfalls in der Steiermark. „Früher hatten wir die Schneiderei noch bei uns, aber das hat bereits der Opa ausgelagert“, sagt Steiner. Gefertigt wird in Lohnschneidereien in der Umgebung.

Nur Direktverkauf
Um den Preis vernünftig zu halten, setzt Jörg Steiner ausschließlich auf den Direktverkauf. Gleich neben dem Wirtshaus ist der Verkaufsraum. Vom Trachtenjanker über die Lodenhose bis zum Lodendirndl gibt es da alles, „ohne dass der Groß- und Einzelhandel seine Margen draufschlägt.“

Jörg Steiner sagt das mit Stolz – und eine gewisse Verachtung gegenüber modernen Vertriebswegen ist nicht zu überhören. Jede Woche würde ihn „irgend so ein Superschlauer“ anrufen, am liebsten ganze Kollektionen einkaufen und Kampagnen entwickeln, um sie dann in „irgendwelchen Nobel- und Trachtenboutiquen“ teuer weiterzuverkaufen.

Aber Steiner bleibt da hartnäckig. Wer echten Loden tragen will, muss schon in die Ramsau kommen. „Dann sieht man auch, wie wir das hier produzieren und die Menschen bekommen ein Gefühl für das Produkt.“ Nicht von ungefähr erzählt er im gleichen Atemzug, dass auch immer mehr Bergwanderer und Bergsteiger (wieder) auf die Qualität von Loden setzen. Vor vier Jahren hat er deswegen die Marke LWS ins Leben gerufen. LWS steht für Lodenwalke Sport. LWS macht inzwischen ein Drittel des Sortiments aus. Dazu gehört unter anderem eine Skihose aus Loden.

Auf dem Gipfel
Natürlich erliegt man der Gefahr und sagt Jörg Steiner, dass echte Profis ohne High-Tech-Sportkleidung nicht auskommen. „Doch“, erwidert er, „Wolle kann alles, da brauche ich nicht mehr. Eine echte Strickjacke hat Eigenschaften wie eine 600-Euro-Goretexjacke.“ Gerade erst habe er von einigen Bergsteigern Komplimente für seine Kleidung aus Loden bekommen. Sie waren mit Lodenjacken und -hosen auf dem Mount Everst.

von Alex Schütz
Von der Wolle zum echten Loden
LandIDEE Ausgabe 06/11 Jetzt abonnieren!
Mehr zum Thema