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Altes Wissen

In früheren Zeiten verbrannten die Menschen Kräuter und Harze zu wichtigen Gelegenheiten ihres Lebens und zu bestimmten Anlässen das ganze Jahr über – besonders in den Raunächten. Marlis Bader hat das alte Wissen wieder belebt.

Unsere Vorfahren haben verstärkt im Herbst und Winter geräuchert, wenn das Licht schwächer war, Stürme über das Land fegten und die hungrigen Raubtiere den eingeschneiten Gehöften immer näher kamen. In dieser Zeit verließen die Menschen nach Einbruch der Nacht ihr schützendes Haus nicht mehr: "Auch mir ist das Räuchern in den dunklen Monaten viel näher als in den hellen. Die heiße Glut, der würzige Geruch der Kräuter und Harze, das ruhige Ritual - all das erwärmt das Herz, schafft eine stimmungsvolle Atmosphäre", erklärt uns Räucher-Expertin Marlis Bader.

Die oberbayerische Autorin („Räuchern mit heimischen Kräutern“, Goldmann, 8,95 Euro) hat den überlieferten Erfahrungsschatz um Räucherwerk, Rezepturenund Rituale viele Jahre erforscht.Dieses alte Wissen, das sie heute bei Anbau,Ernte und Verarbeitung von traditionellenRäucherkräutern in die Praxisumsetzt, gibt sie in Seminaren und Vorträgen an interessierte Menschen weiter (Infos unter www.marlis-bader.de).

BESONDERE JAHRESFESTE
Geräuchert wird in der Regel in einer feuerfesten Schale (siehe Seite 41), für draußen eignen sich zudem Räucherbündel, bei denen aber wegen der Funken noch größere Achtsamkeit geboten ist. Ganz aufs Räuchern verzichten sollte man, wenn Asthmatiker, Kleinkinder oder Schwangere anwesend sind. Neben speziellen Zeremonien, die an besonderen Festen im Jahresverlauf wie Wintersonnenwende oder Johanni durchgeführt werden, gibt es eine Fülle von Ritualen, die den Alltag bereichern. Der Klassiker ist das Räuchern zur atmosphärischen Reinigung. So haben unsere Vorfahren nach dem Winter nicht nur ihre eigenen Stuben, sondern auch Hof und Stall geräuchert, um den alten Geruch loszuwerden. Ebenso lassen sich Kranken- und Sterbezimmer oder Räume, in denen Streit, Angst, Stress, Leid oder Trauer „dicke Luft“ verursacht haben, durch das Räuchern von den Altlasten befreien.
Die Kräuterfrau: „Die Wirkung ist ähnlich wie die eines Frühjahrsputzes. Denn erst wenn die verbrauchten Gefühle und belastenden Energien nicht mehr spürbar sind, ist der Weg frei für die Konzentration auf das Neue.“ Auch an einzelnen Gegenständen wirkt die reinigende Kraft des Rauchwerks: Alte Schmuckstücke, Antiquitäten oder die Fundstücke vom Flohmarkt werden so von ihrer Vergangenheit befreit.

Ein ausgezeichnetes Reinigungskraut ist beispielsweise Salbei. Sein würzig angenehmer Duft macht darüber hinaus die Lunge frei und – sehr praktisch – neutralisiert in der Küche die Essensgerüche. Getrockneten Salbei kann man ohne Kohle räuchern: Die Blätter zusammendrücken, in einer feuerfesten Schale anzünden und Luft zufächeln.

THYMIAN MACHT MUT
Andere Kräuter wiederum wirken anregend und erfrischend. So hilft Minze, die Gedanken zu klären und den Alltag tatkräftig anzugehen. Alantwurzel und Rose dagegen schaffen eine entspannte Atmosphäre. Beifuß und Rosmarin unterstützen das Loslassen und bei Lernschwierigkeiten sowie Prüfungsängsten hat sich eine Mischung mit die Konzentration förderndem Fichtenharz und mutmachendem Thymian bewährt. Besonders wichtig war früher das Räuchern gegen Unwetter, weil die Bauersleute auf Gedeih und Verderb von der Ernte abhängig waren. Zogen Blitz und Donner auf, so wurden Johanniskraut, Beifuß, Königskerze und Rainfarn in die Räucherpfanne gegeben und manging damit betend um das Anwesen herum. Marlis Bader: „Die Menschen seinerzeit wussten, dass der Rauch gerade dieser Pflanzen bei hohen Spannungen Abhilfe schaffen würde – und ein Gewitter ist nichts anderes als die Entladung der angestauten Energien.“


Heute werden diese Kräuter vor allem zur Harmonisierung von zwischenmenschlichen Spannungen und zum Abbau von Elektrosmog geräuchert.

Diese Wetterpfl anzen sind außerdem in Räuchermischungen enthalten, die nach einer alten Weisheitslehre die lebensspendende Kraft der Sonne in die dunkle Jahreszeit bringen, die die Stimmung aufhellen und die Abwehrkräfte stärken. Man zündet sie auch bei dem Räucherritual zur Wintersonnenwende am 21. Dezember an, wenn das wiederkehrende Licht gefeiert wird. Besondere Bedeutung hat das Räuchern in den folgenden Raunächten. Sie beginnen am Abend des 25. Dezember und dauern zwölf Nächte bis zum Morgen des 6. Januar. „Am Anfang und am Ende wird mit einer segnenden Kräutermischung geräuchert, die das Herz öffnet und gute Geister anzieht; an den Tagen dazwischen räuchert man reinigend und schützend“, erklärt die Autorin.

RITUALE DER RAUNÄCHTE
Die Nächte dagegen sind dem Orakeln gewidmet. Die Expertin: „Zwischen so fest verschlossen und mit der Hilfe von Orakelkräutern wie der Schafgarbe lässt es sich noch ein Stück weiter öffnen.“ So ist es Brauch, dass man mit diesen Kräutern vor dem Schlafengehen das Bett und sich selbst abräuchert. In den anschließenden Träumen offenbart sich in jeder der zwölf Nächte ein Blick auf einen Monat im nächsten Jahr.
 

EXKLUSIVE RÄUCHERSETS BESTELLEN
Für alle Leser, die die Rituale der Raunächte ausprobieren möchten, hat Marlis Bader zwei Sets zusammengestellt, die auch die von ihr exklusiv entwickelte weihnachtliche LandIdee-Räuchermischung beinhalten.



Angelika Krause
Räucherrituale in den Raunächten
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