Anleitung

Alte Kunst aus Glasperlen

Unter der Hand von Claudia Flügel-Eber entstehen traumhaft schöne Geschmeide, Taschen und Beutel. Für viele ihrer Arbeiten verwendet sie alte Vorlagen, die sie Perle für Perle umsetzt. Für die LandIdee hat sie ihre Schatztruhe geöffnet und ein zauberhaftes Halsband entworfen.

Wenn Claudia Flügel-Eber den Deckel einer bestimmten Schatulle lüftet, dann strahlen ihre Augen. Ganz hinten im Regal steht die hölzerne Kiste, die, wie sie sagt, ihren Schatz birgt, ihre Quelle der Inspiration. Über die Zeitläufte gerettete Gegenstände, die sie aus einem Nachlass erstand: gewebte, gestrickte, gehäkelte Perlentäschchen.

Patinaüberzogene Silberbügel. Spulen mit spinnwebfeinen Perlfäden. Vergilbte, zart kolorierte Musterbögen mit handschriftlichen Vermerken. Kurz: Zeugnisse eines textilen Handwerks, das Claudia Flügel-Eber heute zu neuem Leben erweckt.

Die Anleitung zum Perlensticken finden Sie hier

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Passion fürs „Basteln“
Schon immer hat die in Schwetzendorf bei Regensburg lebende gelernte Hotelfachfrau eine Passion fürs „Basteln“, fürs Weben, Stricken und Häkeln gehabt. Und ganz um sie geschehen war es, als sie auf einem Regensburger Flohmarkt eine kleine Tasche entdeckte, deren zartes Jugendstilmuster ihre Leidenschaft entfesselte.

Es war ein ganz aus alten Glasperlen verfertigter Beutel, ein vollendetes Kleinkunstwerk, das sie in seiner filigranen Machart faszinierte und über dessen Geschichte und Herkunft sie mehr erfahren wollte. In der Folgezeit suchte und sammelte sie alles, was sie über das textile Kunsthandwerk erfahren konnte: Sie stöberte nach antiquarischen Schriften.

Sie fand auf Flohmärkten weitere Taschen und Beutel, Pompadours, Etuis und Bänder, deren ausgefeilte Ornamentik sie entzückte. Sie begann nach alten Musterbögen zu forschen, den sogenannten Fassvorlagen, in denen die komplizierten Motive für die „Perlenfasserinnen“ akribisch gezeichnet und notiert waren.

Zeitgleich mit ihrer Recherche begann die Autodidaktin mit eigenen Versuchen: Es entstanden die ersten, von Hand gewebten, traumhaft schönen Perlhalsbänder, verfertigt im einfachen Off-loom-Verfahren, also ohne Webrahmen. Meist noch unifarben und erst allmählich kühner werdend, alte Jugendstil- und Art-déco-Muster nachempfindend.

Es entstanden erlesene Halsbänder und Armreifen, Abendtaschen und bestickte Kragen, zauberhaft umrandete Medaillons und Broschen. Preziosen, in millimetergenauer Kleinstarbeit aus Abertausenden funkelnden Perlen gestrickt, gehäkelt, gestickt und vor allem gewebt.  

Ein uraltes Handwerk
Die Kunst, aus Glasperlen Schmuckstücke zu verfertigen, ist uralt – fast so alt wie die Menschheit selbst. Schon in der antiken Welt gab es eine regelrechte Glasperlenindustrie, die bereits im ersten Jahrhundert nach Christus auf Mitteleuropa übergriff. Federführend in der Herstellung der kostbaren, lichtsprühenden Glaskügelchen war Venedig beziehungsweise die vorgelagerte Insel Murano, die über die Jahrhunderte das Monopol in diesem Kunsthandwerk innehatte.

Doch obwohl es den venezianischen Glasmachern bei Strafe verboten war, auszuwandern und das Geheimnis der Perlenerzeugung zu verbreiten, gelangte die Kunst nach Mitteleuropa. In Böhmen, Sachsen, Thüringen, im Fichtelgebirge und im Bayerischen Wald entstanden Glashütten, in denen man aus langen, von Hand gezogenen Glasröhrchen mit winzigem Durchmesser die kleinen Rocaille-Perlen schnitt.

Und waren es anfangs nur die Klöster, in denen christliche Schaubilder und Motive aus Perlen verfertigt wurden, so gelangte das Kunsthandwerk spätestens mit dem 17. Jahrhundert in die privaten Haushalte. Fortan waren es vor allem Frauen, die ihr Können von Generation zu Generation weitergaben und mit geschickter Hand perfektionierten.

Beginn der Perlweberei
Heute ist der Ausdruck „Perlenstickerin“ geläufig. Tatsächlich aber wurde im 18., vor allem aber im 19. Jahrhundert in der Hauptsache gestrickt – mit kostbaren, auf Faden aufgespulten winzigen Glasperlen. So gab es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts  so gut wie nichts in einem gehobenen Haushalt, was nicht mit den dekorativen Schmuckstücken überzogen war.

Teedosen, Bestecke, Brieftaschen, Klapptische, Schuhe, Babymützchen, Sonnenschirme und Bucheinbände waren mit aufwendigen Girlanden, Blumenmustern, Chinoiserien und Landschaftsidyllen verziert. Bald schon gelangte die Perlenkunst in die Hände von Heimarbeiterinnen und Kindern, die nach vorgezeichneten „Fassvorlagen“ und „Fassbriefen“ Taschen, Beutel und eine Vielzahl anderer Accessoires herstellten.

Dass Mitte des 19. Jahrhunderts die Perlenweberei als zweite kunsthandwerkliche Disziplin immer wichtiger wurde, lag zum einen an der beginnenden Industrialisierung, in der der Webrahmen ein wichtiger Faktor für die rationellere und günstigere Produktion war. Damit im Zusammenhang stand ein immer regerer Austausch mit Amerika, wo indianische Webkunst ihren Einfluss auf das mitteleuropäische Kunsthandwerk nahm.

Das wird auch an eingebürgerten Begriffen klar: Mit dem Namen „Peyote“ wird eine Technik des Off-Loom-Webstichs bezeichnet, mit dem auch Claudia Flügel-Eber begann und der uns zurück in die Gegenwart führt.

Delica und Rocaille
Wir treffen uns mit der Perlenkünstlerin im Oberpfälzer Freilandmuseum, das uns seine wunderschönen bäuerlichen Räume zum Fotografieren zur Verfügung stellt. Hier führt uns Claudia Flügel-Eber die einzelnen Schritte beim Verfertigen eines Halsbandes vor. Ein Halsband mit einem floralen Muster, das sie extra für die LandIdee-Leserinnen entworfen und auf karogerastertes Papier gezeichnet hat: „Ich saß auf der Terrasse und blickte auf unseren Apfelbaum.

Daraus entstand das LandIdee-Muster – grüne Apfelbäume und rote Rosen.“ (Anleitung Seite 134) Heute sind es nicht mehr die von Hand gezogenen und geschnittenen Glasperlen, die die Perlenweberin verwendet. „Die alten, handgemachten Perlen bewahre ich auf“, erzählt die ambitionierte Sammlerin. „So wie bei anderen Grünpflanzen in der Wohnung stehen, so stehen bei uns kleine Glasschalen mit alten Perlen.“

Heute arbeitet die Künstlerin mit industriell hergestellten Delica- und Rocailleperlen. Über 10 000 Delicaperlen verarbeitet sie für eines ihrer Taschen-Unikate, in denen sie die alten Muster oder „Fassvorlagen“ umsetzt. „Mir liegt daran, das Alte zu bewahren und auf moderne Weise umzusetzen“, erzählt sie, während sie Perle für Perle auf den gewachsten Faden fädelt. Eine Arbeit im Mikrobereich, die dem Fotografen und der Verfasserin dieses Artikels bewunderndes Staunen abringt.

Vor allem, wenn sie akribisch nach den alten kolorierten Fassvorlagen arbeitet: „Heutige Vorlagen verwenden sechs Farben“, sagt sie, „damals hat man mit unzähligen Farbabstufungen Muster erzeugt.“ Besonders stolz ist sie auf ein Halsband mit Rosendekor, das sie einer alten Biedermeier-Fassvorlage nachgearbeitet hat.

„Zuerst habe ich mir aus dem handgezeichneten Musterbogen ein Stück herauskopiert und vergrößert. Dann musste ich das Muster auf die Peyote-Technik übertragen. Und dann Perle für Perle farblich festsetzen – von Altrosa zu Dunkelrosa zu Hellrosa.“ Es sind diese Nuancen, die ihre Gewebe so lebendig, im besten Sinne altmodisch, erscheinen lassen.

Mit und ohne Webrahmen
Perle für Perle knüpft sie weiter an dem Geschmeide, das, wenn möglich, dem Hals der künftigen Besitzerin angepasst wird. Muster für Muster, oder besser: „Rapport für Rapport“ erwächst unter ihren geschickten Händen ein schillernder Traum in Rosa und Grün. Gerade mal zwei Zentimeter in die Höhe wächst das Halsband, gefertigt pro Reihe aus 16 Delicaperlen, aufgefädelt von einer Nadel, die so fein ist wie ein Haar.

Für Handarbeiten wie diese benutzt Claudia Flügel-Eber keinen Webrahmen. Arbeiten aber wie die breiteren, von alter Spitze umrandeten Armbänder oder das elegante, schwarz-weiß gemusterte Täschchen im Art-déco-Stil webt sie am Rahmen. Je großflächiger die Arbeit, desto wichtiger die gespannten Kettfäden für den Durchschuss.

Webstücke nach Maß
Seit einiger Zeit teilt sich Claudia Flügel-Eber mit zwei Kolleginnen einen Laden in Regensburgs Innenstadt. Vitrinen voller Perlenohrringe, Medaillons und Perlenketten, Glasröhrchen mit buntschillernden Delica- und Rocaille- perlen, Gestelle mit perlenverzierten Kragen und handgewebten Taschen stehen dort bunt gemixt neben Näharbeiten ihrer Kollegin.

Hier arbeitet die Mutter eines Zehnjährigen zweimal die Woche – und wenn es geht, nach Maß und auf Bestellung. Die Arbeit mit den winzigen Kleinodien kostet Zeit und geht, wie sie erzählt, auch auf die Augen. Zur Erholung fertigt sie Schmuckschatullen an, ausgepolstert mit uralten Zeitungsausschnitten.

Und hier, im Ladenatelier, lagert auch der eingangs erwähnte Schatz, die Quelle der Inspiration, der gerettete Nachlass der alten Perlenweberei. Sie fand ihn, weil sie eine Annonce aufgab: „Suche alte Perlentaschen und kolorierte Fassvorlagen.“ Ein glücklicher Fund, wie man sieht.

Von Elisabeth Asla
ALTE KUNST AUS GLASPERLEN - Fotos: Peter Raider
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