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Zu Besuch bei der Samengärtnerin

Auch der winterliche Ernährungsgarten bietet Genüsse in Hülle und Fülle. Die Samengärtnerin Annette Holländer zeigt uns in ihrem „Garten des Lebens“, wie sie ihre Familie im Winter mit feinem Gemüse und Salaten aus eigenem Anbau versorgt.

Diese kleinen Pflanzen hier müssen in das Gewächshaus das ist eine Brokkolisorte, die dort überwintern kann“, erklärt Annette Holländer ihrer jungen Schülerin Marie. „Der Zuckerhut darf dafür bis minus 10 Grad draußen bleiben.“ Marie (15) hört ihrer Gartenlehrerin Annette Holländer eifrig zu, buddelt Pflänzchen aus und packt mit an.

Eigentlich sehen das Wetter und die Vegetation an diesem grauen Wintertag nicht so aus, als ob noch irgendetwas in der kalten Erde wachsen könnte. Doch hier, im „Garten des Lebens“ von Annette Holländer, gedeihen bunte Kohlsorten, Salat, Rübchen, Wirsing und Salbei. Lustige Hasen mit Schlappohren hoppeln zwischen den Beeten herum und machen sich über Gemüsereste her, die Annette ihnen zuwirft.

Mit Tomaten fing es an
Vor sechs Jahren gründeten die Samengärtnerin Annette Holländer und ihr Partner, der Permakulturpraktiker Hans Sondermeier, ihren Lehr- und Ernährungsgarten mit alten Gemüsesorten. Damals begann das Ganze als privates Hobby und aus Interesse an nachhaltiger Ernährung.

Annette: „Ich startete mit Tomaten. Bald schon hatte ich einen riesigen Artenreichtum, braune, grüne, gelbe Tomaten, alte, neue und ungewöhnliche Arten – ich war unglaublich begeistert von der Vielfalt, die nur eine einzige Frucht bieten kann.“ Dann kamen neue Gemüsesorten hinzu, Annette Holländer experimentierte zusätzlich mit Hülsenfrüchten, Blattgemüsen und Wurzeln.
Rettung aussterbender Sorten
Nach und nach rückte der Garten immer stärker in den Lebensmittelpunkt. Annette Holländer, eigentlich gelernte Farblithografien, absolvierte bei der Organisation „Arche Noah“, die sich um den Erhalt alter Pflanzen kümmert, eine Ausbildung als Arche-Samengärtnerin, und auch Computerfachmann Hans erweiterte sein Wissen und schloss eine Ausbildung als Permakulturpraktiker ab.

Also als Gärtner, der dauerhaft funktionierende, nachhaltige und naturnahe Kreisläufe schaffen kann. Immer mehr altes Wissen wurde angehäuft und ausprobiert, und bald gaben Annette und Hans erste Kurse über natürliches Gärtnern im Lauf der Jahreszeiten. Annette erzählt: „Zuerst ging es uns hauptsächlich um den Erhalt alter Arten, die durch die neue EU-Saatgutgesetzgebung ständig weiter auszusterben drohen.

Samen dürfen nur noch unter strengsten Auflagen verkauft werden, die die meisten kleinen Gärtnereien gar nicht mehr erfüllen können. Deshalb ist die Arbeit der ‚Archen‘ so wichtig, denn diese lehren, wie man die Sortenvielfalt auch ohne Samenhandlung bewahren kann. Dazu erfährt man, wo man Samen tauschen und wie man Saatgut aus den eigenen Sorten gewinnen kann.“

Nach und nach tummelten sich immer mehr Lernwillige im 800 Quadratmeter großen „Garten des Lebens“ mit seinen gerade mal 180 Quadratmetern Anbaufläche. Alle wollten wissen, wie wir es als Gemüse-Selbstversorger bei dieser kleinen Anbaufläche schaffen.

Feines vom Spitzenkoch
Annette erinnert sich: „Immer öfter wollten Besucher erfahren, was man aus den Gemüsesorten kochen kann. Als unser Sohn Jacob eine Kochlehre absolvierte und später im ‚Restaurant im Bayerischen Nationalmuseum‘ die feinste Spitzenküche kreierte, nahm er sich auch unserer Ernteerträge an.

Denn Rüben, Rote Bete und Kohl muss man nicht so rustikal zubereiten, wie das in der Deutschen Küche lange Tradition war. Man kann auch aus diesen Schätzen echte Gaumen-Genüsse zaubern.“ So wurden zusätzlich Kochkurse in das Programm des Gartens aufgenommen.

Das ganze Jahr ernten
Marie kommt hinzu, sie ist mit den Brokkolipflänzchen fertig und will wissen, worauf man beim Wintergemüse generell achten muss. Annette lacht: „Marie wohnt nebenan und ist meine gelehrigste Schülerin. Bei uns p anzen wir für die Winterernte vorwiegend Sorten, die die ganze Zeit im Freien bleiben können.
Dazu gehören Winterlauch, Grün- und Palmkohl, Winterwirsing, Pastinaken, frostunempfindliche Möhren, Winterrübchen, Topinambur, Zuckerhut und Feldsalat. Unter einer Strohdecke oder einem Vlies kann man das Gemüse auch bei richtig kalter Witterung regelmäßig ernten.“ Außerdem baut Annette im kleinen Kaltgewächshaus winterharte Salate, Winterportulak, Spinat und Senfkohle wie Asia Greens und Mizuna an.

„Auch hier kann in der kalten Jahreszeit geerntet werden, und im Frühling hat man dann einen Vorsprung, wenn man den Salat, Spinat und den Winterbrokkoli bereits im Herbst eingesetzt hat.“

Richtiges Lagern der Ernte
Und was passiert mit den Gemüsen, die nicht draußen bleiben können? „Frostempfindlichere Arten wie Rote Bete, Kopfkohl und Chinakohl, Sellerie und Herbstrübchen werden vor dem Frost geerntet und eingelagert. Dazu werden bei Roter Bete, Sellerie und Rübchen die Blätter entfernt, bei Chinakohl schadhafte Außenblätter abgeschnitten und der Kohl in Zeitungspapier gewickelt.

Eingelagert werden kann in einem kühlen Keller mit guter Luftzirkulation bei Temperaturen zwischen zwei und fünf Grad. In zu warmen Kellern kann man die Kellerschächte nutzen. Das Gemüse wird in Kisten gelegt und beispielsweise mit einem Jutesack zugedeckt. Den Kellerschacht mit Fliegengitter versehen, sonst können Mäuse einziehen.“

Eine weitere Lagermöglichkeit ist eine Erdmiete im Freien mit Sand oder Stroh. Hier muss man ebenfalls ein Gitter gegen Mitesser wie Wühlmäuse einziehen. „Wichtig ist, das Gemüse im Winterlager regelmäßig zu kontrollieren und Schadstellen frühzeitig auszusortieren.“

Auch Trocknen oder Dörren gehört zu den Methoden der Haltbarmachung im „Garten des Lebens“. Hierfür hat Hans Sondermeier einen solarbetriebenen Dörrofen gebaut, und die Natur leistet zusätzlich Hilfe: „Wir lassen einen Teil der Stangenbohnen stets ausreifen, für Saatgut und auch zum Verzehr.

Tomaten werden verkocht und eingefroren, Chili und Kräuter getrocknet oder in Öl eingelegt und Mangold oder Butterkohl werden blanchiert und in der Tiefkühltruhe verstaut. “Kürbisse, Zwiebeln und Knoblauch haben ebenfalls einen Platz in Annette Holländers winterlichem Artenzoo: „Diese drei Gesellen mögen es warm. Sie dürfen bei uns im Haus ur wohnen. Dort sind die Zwiebelzöpfe und bunten Kürbisse Vorrat und Dekoration in einem.“
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