Wickel und Kompressen

Sie kühlen Fieber, lindern Schmerzen und helfen bei Einschlafstörungen: Wickel und Auflagen gehören zu den ältesten Hausmitteln der Menschheit. Die Kindergärtnerin Anne Specht zeigt uns, wie sie angewendet werden.

Âuflagen, Kompressen und Wickel sind sehr alte Haus- und Heilmittel, die sich seit Jahrtausenden bewährt haben. Schon Hippokrates (460–370 v. Chr.) und Galenos von Pergamon (129–199), die berühmten Ärzte der Antike, beschreiben die Wirkung von heißen Umschlägen und Schlammpackungen.

Das Wissen um diese Anwendungen, bei denen auch Kräuterauszüge, Abkochungen, Lehm, Essig, ätherische Öle und sonstige Zusätze eine Rolle spielen, war seit dem Mittelalter ein fester Bestandteil der Volksmedizin und wurde von Generation zu Generation weitergegeben.

Unverzichtbares Hausmittel
„Als unsere Kinder noch klein waren, sind wir nie ohne Wickel in den Urlaub gefahren“, erinnert sich die Kindergärtnerin Anne Specht. „Sie waren das wichtigste Mittel sowohl in der Haus- wie auch in der Reiseapotheke, weil sie sich so vielfältig und wirksam einsetzen lassen. Deshalb wundert es mich, dass viele Mütter heute gar nicht mehr wissen, wie ein Wickel richtig angelegt wird.“

Sie selbst hat die Anwendungen professionell im Rahmen einer Ausbildung zur Medizinischen Bademeisterin an der Sebastian-Kneipp-Schule in Bad Wörishofen erlernt, wo diese Kurse inzwischen wieder angeboten werden. Unterstützt von Laetitia (12) und Sarah (24) zeigt sie uns auf den folgenden Seiten, wie man mit nassen Tüchern und natürlichen Zusätzen Beschwerden lindern und die Selbstheilungskräfte des Körpers unterstützen kann.
„In der Regel besteht ein Wickel aus drei Tüchern“, erklärt die Expertin. „Auf die Haut kommt das feuchte Innentuch aus grobem Leinen, darüber wird ein trockenes Zwischentuch aus Baumwolle gelegt, das an den Kanten jeweils vier Zentimeter breiter ist.“ Den Abschluss bildet ein wärmender Stoff aus Wolle oder Flanell. Sämtliche Gewebe müssen aus natürlichen Fasern bestehen, die keinen Hitze- oder Feuchtigkeitsstau auf der Haut verursachen können.

„Entscheidend ist, dass der Wickel richtig dicht liegt, damit die Temperatur und die Zusatzstoffe optimal auf die Auflagestelle einwirken können. Es dürfen sich auch  keine Luftkammern bilden, da diese punktuell eine ungewollte Erwärmung oder Abkühlung zur Folge haben können“, so die Kindergärtnerin. Deshalb – und wegen des angenehmeren Sitzes – sollte man auch darauf achten, dass keines der Tücher Falten wirft.

Bei Waden- oder Armwickeln ist das noch relativ einfach. Einen Gelenk- oder Fußumschlag faltenfrei anlegen zu können, gehört dagegen schon zur hohen Kunst des Wickelns. Der Trick dabei: Das Tuch wird bei jedem Richtungswechsel so weit wie nötig mit einer exakt gezogenen Kante eingeschlagen. Am besten strafft man den Falz zwischen beiden Händen und legt ihn dann schön glatt auf.

Kompressen und Kissen
Anne Specht: „Unter dem Oberbegriff Wickel versteht man aber neben diesen klassischen Umschlägen auch Auflagen und Kompressen. Diese bedecken nicht das ganze Körperteil, sondern liegen nur einseitig oder teilweise auf.“ Mit ihrer Hilfe können Kälte, Wärme und wohltuende Zusätze gezielt und intensiv auf eine ganz bestimmte Körperpartie gebracht werden. Auch Fangopackungen und Kissen, die mit Kräutern oder Moorerde gefüllt sind, können so optimal ihre Wirkung entfalten.

Kälte- und Wärmereize
Alle Wickel wirken über die Temperatur. Ein kalter Umschlag entzieht sofort Wärme und der Körper antwortet darauf mit der Ankurbelung der Produktion von Wärme: Die Gefäße verengen sich, der Stoffwechsel wird angeregt und die Atmung beschleunigt sich.

Diese Reaktion dauert auch dann noch eine ganze Weile an, wenn der Kältereiz nach etwa fünf bis zehn Minuten abgeklungen ist. In der Folge entspannt sich mit der zunehmenden Wiedererwärmung nicht nur die Muskulatur an der Auflagestelle, sondern der gesamte Organismus.

„Die Wirkung eines kalten Wickels hängt daher entscheidend von der Liegedauer ab“, erläutert die Kneipp-Bademeisterin. „Bei Fieber, Blutergüssen oder Prellungen soll er der Temperatursenkung, Abschwellung und Schmerzlinderung dienen. Deshalb wird er nach etwa fünf Minuten wieder abgenommen – bevor die Wiedererwärmung einsetzt – und kann mehrfach hintereinander angewendet werden.“

Der kalte Lendenwickel dagegen, der bei chronischer Verstopfung, Bluthochdruck und Einschlafstörungen zum Einsatz kommt, bleibt etwa 45 bis 75 Minuten liegen – sodass er seine entkrampfende und entspannende Wirkung entfalten kann.

Auch heiße Wickel, mit denen passiv Wärme zugeführt wird, lockern die Muskulatur und fördern die Durchblutung. Die dabei eintretende Gefäßerweiterung bringt eine Blutdrucksenkung und damit eine Entlastung des Herz-Kreislauf-Systems mit sich.  

Altbewährte Zusatzstoffe
Gesteigert wird die Wirkung der verschiedenen Wickel und Kompressen durch bewährte Zusatzstoffe, die in der Volksheilkunde eine lange Tradition haben. „Quark beispielsweise ist ein wunderbarer Kälteträger, der Entzündungen, Verstauchungen und Prellungen lang anhaltend kühlt“, meint die Fachfrau. „Gekochte Kartoffeln dagegen sind ähnlich wie Moor oder Fango intensive Wärmeträger und können bei Husten und Bronchitis in einem Brustwickel etwa eine Stunde angenehm die Temperatur bewahren.“

Beim Aufbringen werden Quark, Kartoffeln oder andere Zusätze direkt auf das Innentuch gestrichen. Dieses faltet man so zu einem Päckchen, dass sich zwischen Haut und Brei nur eine Lage Stoff befindet, und legt den Wickel dann wie gewohnt an. In der Küche sind noch mehr traditionelle Zusätze für Wickel zu finden: Zwiebeln wirken lindernd bei Ohrenschmerzen, Kohl kühlt entzündete Gelenke und gezerrte Muskeln und soll gleichzeitig die Giftstoffe aus dem Körper ziehen.

Auch Kräuter unterstützen mit ihren heilkräftigen Inhaltsstoffen. Am einfachsten kocht man daraus einen Tee und tränkt das Innentuch vor dem Anlegen im Sud. So eignet sich Thymian für einen Brustwickel bei Bronchitis und Erkältung, Kamille mildert Entzündungen, Zinnkraut beruhigt juckende Hautpartien. Etwas größer ist der Aufwand beim Füllen eines Kräuterkissens, das seine Wirkstoffe nach dem Dämpfen über kochendem Wasser in einer Auflage entfalten kann.

Form der Zuwendung
„Eines darf man nicht unterschätzen: Mit einem Wickel bekommt ein Kind – und natürlich auch der Erwachsene – eine ganz besondere Form der Zuwendung, Berührung und Geborgenheit. Das ist für den Genesungsprozess genauso wichtig“, betont Anne Specht abschließend.

Von Angelika Krause
Wickel und Kompressen - Fotos: Peter Raider
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