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Hildegard von Bingen

Sie kannte viele Heilkräuter, die bei Husten, Schnupfen oder Bronchitis Linderung brachten. Klostermediziner Dr. Johannes G. Mayer hat Hildegard von Bingens Rezepte selbst ausprobiert.

"Wer viel Schleim in sich hat,pulverisiere Rettich, kocheHonig mit Wein und schütte dieses Pulver hinein. Etwas abgekühlt trinke er es nach dem Essen, und dieses Pulver wird ihn vom Schleim reinigen.“

Nach einem besonders schmackhaften Trunk klingt diese Rezeptur nicht, die Hildegard von Bingen (1098–1179) in ihren medizinischen Schriften zur Linderung von Husten und Schnupfen empfahl – aber das Gebräu muss gewirkt haben.

„Die Anwendung des Rettichs – Raphanus sativus – bei Katarrhen der oberen Atemwege ist heute wissenschaftlich anerkannt“, bestätigt Dr. Johannes Gottfried Mayer, Leiter der Forschergruppe Klostermedizin an der Universität Würzburg.

„Das in der Wurzel vorhandene ätherische Senföl hat einen schleimlösenden Effekt und eine bakterienhemmende Wirkung konnte ebenfalls nachgewiesen werden.“

Selbst ausprobiert
Gemeinsam mit seinen Studenten hat der Gelehrte die Notizen der heilkundigen Äbtissin zur Behandlung der Symptome von Erkältungskrankheiten vom Standpunkt moderner Wissenschaften aus unter die Lupe genommen. Ein wichtiger Punkt seiner Untersuchungen:

„Wir haben die Rezepte der Ordensfrau nicht nur überprüft, sondern auch selbst ausprobiert.

Denn nur so konnten wir uns davon überzeugen, dass sie tatsächlich anwendbar sind.“ Einige dieser anerkannten Rezepturen hat der Leiter der Forschergruppe für uns in der eindrucksvoll restaurierten Klosterküche der ehemaligen Benediktinerabtei Seligenstadt Schritt für Schritt zubereitet.

Noch mehr als den Rettich würdigte Hildegard von Bingen den Fenchel, den sie zu einer ihrer Lieblingspflanzen kürte:Foeniculum vulgare hatte sich bei der Behandlung von Magen-Darm-Problemen ebenso bewährt wie bei Erkrankungen der Atemwege. „Die Heilkunde nutzt nicht die Gemüseknolle, sondern die Früchte des Fenchels – auch Samen genannt.

Sie enthalten einen hohen Anteil ätherischen Öls, das die Bewegung der Flimmerhärchen in den Atemwegen anregt. Darüber hinaus ist die schleimlösende und keimtötende Wirkung des Öls inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen worden“, erklärt der Autor, dessen Werk „Das große Buch der Klosterheilkunde“ (ZS Verlag, 19,95 Euro) gerade neu aufgelegt wurde.

Fenchelfrüchte dienen in vielen Erkältungsrezepten der Nonne, die im vergangenen Jahr von Papst Benedikt XVI. zur Kirchenlehrerin ernannt wurde, als Zutat. Häufig werden sie dabei in Wein eingelegt: In der mittelalterlichen Volksmedizin war es üblich, Kräuter, Pflanzen und andere Zutaten für Arzneien in Rebensaft zu kochen, um die Inhaltsstoffe herauszulösen.

Darüber hinaus galt Wein selbst als Heilmittel: Die Benediktinerin verordnete ihn ganz gezielt in Rezepturen, weil sie seine anregende Wirkung auf den menschlichen Organismus und den Genesungsprozess überaus schätzte.

Hochwirksame Saponine
Die Süßholzwurzel, die in der Klosterheilkunde erst durch von Bingens um 1150 entstandenes, den Heilkräften der Natur gewidmetes Werk „Physica“ Beachtung fand, stand bei ihr ebenfalls in hohem Ansehen.

Heiserkeit, Husten, Brustschmerzen und Lungenleiden waren neben Verdauungsbeschwerden und Nierenerkrankungen bevorzugte Anwendungsgebiete für Glycyrrhiza glabra. „Zu den heilsamen Inhaltsstoffen zählen vor allem Saponine, die eine entzündungshemmende und schleimhautschützende Wirkung haben“, so der Wissenschaftler.

"Wer sich daraus einen Erkältungstee zubereitet, sollte aber aus geschmacklichen Gründen die Wurzelstücke vorher schälen.“ Gegen den „Schleim in der Nase und im Rachen“ setzte die Ordensfrau auch Galgant ein.

Diese heutzutage kaum noch bekannte Pflanze, die zu den Ingwergewächsen gehört, gelangte im 9. Jahrhundert durch arabische Kaufleute und Ärzte nach Europa und erfreute sich in der Klostermedizin großer Beliebtheit. In der Heilkunde wird von Alpinia officinarum nur die Wurzel verarbeitet, deren Inhaltsstoffe bakterienund entzündungshemmend wirken.

Gerb- und Bitterstoffe Bis heute erhalten hat sich dagegen die Anwendung von Andorn bei Erkältungskrankheiten, obwohl er längst nicht mehr die große Bedeutung wie zu Hildegard von Bingens Zeiten genießt. Das Kraut von Marrubium vulgare enthält viele Gerb- und Bitterstoffe, die unter anderem bei Bronchitis, trockenem Husten und Keuchhusten eine Linderung verschaffen sollen.

Als Erkältungsmedizin hatte bei ihr zudem Salbei einen hohen Stellenwert. Der Forscher: „Die Kirchenlehrerin sah in Salvia officinalis ein Allheilmittel – und stimmte damit in die Lobeshymnen der Klostermedizin ein, die in der Frage gipfelten: ,Warum stirbt denn überhaupt der Mensch, dem Salbei im Garten wächst?‘“

Salbeiblätter enthalten ätherisches Öl, Gerb- und Bitterstoffe sowie Flavonoide, die bakterienund virenhemmend wirken. Die äußerliche Anwendung des Lippenblütlers bei Halsschmerzen und Entzündungen im Rachenraum ist heute wissenschaftlich anerkannt. In der Naturheilkunde wird das Kraut desgleichen bei Bronchialkatarrhen, Asthma und Kopfschmerzen eingesetzt.

Honig wirkt antibakteriell
Einige Erkältungsrezepte der Äbtissin enthalten Honig, dessen positive Wirkung auf den Organismus sie hoch einschätzte. Das Bienenprodukt galt seit der Antike als Universalmedizin, deren keimtötende und entzündungshemmende Enzyme sich auch bei Schnupfen, Husten und Bronchitis bewährt hatten.

„Die antibakterielle Wirkung von Honig ist inzwischen von der Forschung bestätigt worden“, erläutert Dr. Johannes G. Mayer. „Allerdings büßt er einen Teil seiner wertvollen Inhaltsstoffe ein, wenn er – wie die Benediktinerin in ihren Rezepturen anordnet – höheren Temperaturen ausgesetzt wird.“

Von Angelika Krause
Erkältungsrezepte nach Hildegard von Bingen. Fotos: Peter Raider (22); Styling: Ute Staudacher
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