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Gesundheit

Heilwissen der Sennerinnen

Seit jeher haben Menschen auf dem Land ihr Wissen um die Kunst des Heilens von Generation zu Generation weitergegeben. Die junge Sennerin Michaela Seethaler und ihre Schwester Susanne weihen uns in diesen Erfahrungsschatz ein.

Tief verbunden mit der Natur hat man auf dem Land wertvolle Erfahrungen gesammelt

Man nehme stallwarmen Kuhdung und mische ihn mit einem zerriebenen Schwalbennest und Butter, sodass eine geschmeidige Paste entsteht. Diese dann warm auf die Brust schmieren und mit einem Tuch abdecken.“ Ein solch altes Hausmittel zur Lösung des Schleims bei Husten und Heiserkeit, das aus einer handschriftlichen Aufzeichnung aus dem Jahr 1753 stammt, erscheint heute ziemlich abenteuerlich. Weitaus weniger befremdlich klingt folgende Rezeptur: Eine geschälte Zwiebel auf einem Liter Wasser gut 20 Minuten vor sich hin köcheln lassen und den Sud, gesüßt mit etwas Honig, schlückchenweise trinken.


EIN URALTES HAUSMITTEL AUS DER EIGENEN KINDHEIT

„Und dann sofort dick eingepackt ab ins Bett. Das ist ein wirksames Mittel bei Husten, das meine Schwester und ich noch aus Kindertagen kennen. In unserer Familie und auf den Höfen in der Umgebung wird es heute noch angewandt“, erzählt die Sennerin Michaela Seethaler, die im Tegernseer Tal aufgewachsen ist und seit einigen Jahren in den Sommermonaten auf einer Alm im Mangfallgebirge lebt und arbeitet. Von Generation zu Generation wurde hier – wie in allen ländlichen Gebieten Deutschlands – sowohl handschriftlich als auch mündlich ein enormer Erfahrungsschatz über die Vorgänge im Körper von Mensch und Tier weitergegeben. Tief verwurzelt in Natur, Sitten und Gebräuche hat die einfache Bevölkerung so über Jahrhunderte hinweg ein großes Wissen von der Kunst des Heilens gesammelt, das in weiten Teilen immer noch gültig ist – aber heute natürlich nicht den oft notwendigen Arztbesuch ersetzt.

ABGELEGENE ALMEN

„Früher wussten die Menschen auf dem Land recht gut, sich selbst zu helfen. Zudem fehlte auch oft das Geld und manchmal das Vertrauen, sich an einen Bader, einen Doktor, einen Heiler oder an die Hebamme im Dorf zu wenden“, erklärt Michaelas Schwester Susanne, die Autorin zweier Bücher über das alte bäuerliche Wissen von der Kunst des Heilens. „Manche Höfe lagen zudem weit abgelegen und hoch oben auf den Almen konnten die Sennerinnen das Vieh nicht einfach sich selbst überlassen, wenn es irgendwo im Körper zwickte.“ Und so entwickelte sich aus Kräuterheilkunde, Brauchtum, Glaube sowie Aberglaube und nicht zuletzt durch das Beobachten der Natur ein fundiertes Volkswissen, von dem die Menschen heute noch heilsam profitieren können.

DER INSTINKT DER TIERE

Vor allem dem instinktiven Verhalten der Tiere, mit denen sie zusammenlebten, schenkten die Menschen auf dem Land früher mehr Beachtung als heute. So wurde Sebastian Kneipp als junger Hütebub Mitte des 19. Jahrhunderts durch eine Kuh, die ihren kranken Fuß in einen Bach tauchte, auf die besondere Wirkung von Wasser aufmerksam. Auch auf der Weide bevorzugt das Vieh, wenn es unter körperlichen Beschwerden leidet, bestimmte Kräuter, wählt instinktiv seine Medizin.

Vor allem Frauen waren in früheren Zeiten häufig Expertinnen in Sachen Kräuterkunde. In ihrem Garten und in der freien Natur wuchsen unendlich viele Pflanzen, von deren Heilkraft sie wussten und mit denen sie Aufgüsse, Tees, Sirup und Tinkturen zubereiteten. Wenn doch einmal guter Rat fehlte, fand sicher die Nachbarin in dem abgegriffenen Notizheft ihrer Großmutter eine fein säuberliche mit Sonntagsschrift festgehaltene Rezeptur. „Auch heute beschäftigen sich viele Sennerinnen neben ihrer täglichen Arbeit auch noch mit den Heilkräutern, Ritualen und altem Heilwissen. Sie verbringen ihre stillen Feierabende über den Bestimmungsbüchern – nicht selten im Schein einer Kerze, weil es oben keinen Strom gibt“, erzählt Susanne Seethaler, die bei ihren Buchrecherchen verschiedene „Almerinnen“ besucht hat.

Die meisten der alten bäuerlichen Heilmittel sind ganz einfach und mit den Zutaten herzustellen, die auf dem Hof oder in der Küche verfügbar sind. Essig, Lehm und Topfen, also Quark, sind die drei beliebtesten Zutaten dieser bäuerlichen Heilkunst. Damit wurden Wickel und Umschläge gemacht, die das Fieber senken, Gicht und Rheuma lindern oder Entzündungen kurieren. Vor allem mit der Milch ihrer Kühe haben die Frauen auf dem Land immer viel ausprobiert, um herauszufinden, was bei diesem oder jenem Zipperlein helfen könnte. So steht heute noch bei Michaela Seethaler auf der Alm neben dem Brunnen für das Melkgeschirr immer Butterschmalz parat, mit dessen Inhalt sie die Abschürfungen behandelt, die ihre Hände bei der schweren Arbeit erleiden.      

Angelika Krause

Magische Rituale
Um Mensch und Tier von körperlichem Leiden zu befreien, bediente man sich auf dem Land neben den bewährten Hausmitteln auch ganz besonderer Gebete – und magischer Rituale. Susanne Seethaler: „So werden sogar in unseren modernen Zeiten noch von mancher Bäuerin sogenannte Schwindpackerl zu Füßen von Wegkreuzen oder Marterln vergraben, um beispielsweise die schnellere Heilung von Arthrose zu bewirken. Schwindpackerl sind mit Heilkräutern gefüllte Leinensäckchen, die an das kranke Gelenk gebunden wurden.“ Für solche Rituale, die ihren Ursprung in vorchristlicher Zeit haben, werden die unsichtbaren Kräfte der Natur und der Gestirne mobilisiert, Sprüche im Stillen oder laut aufgesagt, gute Geister mithilfe von magischen Gegenständen beschworen oder Schutzamulette gebastelt.


Während man heute nur noch an hohen Festtagen räuchert, war dieses Ritual früher fester Bestandteil des bäuerlichen Jahreslaufs. Es diente dem Schutz vor Geistern und bösen Hexen, vor Krankheiten und Naturgewalten. Da man dabei traditionell Heilpflanzen verwendet, hat das Räuchern darüber hinaus auch einen gesundheitlichen Aspekt. So vertreibt der Salbei nicht nur allerlei Gespenster, sondern ist auch ein wirksames Mittel bei Fieber, vielen Infektionskrankheiten und Verspannungen.


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