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Die Heilwirkung der Bäume

Die Kenntnisse um die Heilkräfte unserer Bäume sind beinahe so alt wie die Menschheitsgeschichte. Die Allgäuerin Susanne Fischer-Rizzi bewahrt diesen Erfahrungsschatz vor dem Vergessen.
Von Angelika Krause

Das soll helfen? Nicht nur Pam, die auf unserem gemeinsamen Waldspaziergang von einer Bremse gestochen wurde, ist verblüfft. Susanne Fischer-Rizzi zupft von einem Baum ein großes Blatt ab, quetscht die Adern an und legt es ihrer Assistentin auf den Unterarm. „Dass im Ahorn heilende Kräfte stecken, ist heute nur noch wenigen Menschen bekannt. Seit frühesten Zeiten wurden Teile dieses Baumes als kühlendes und abschwellendes Hausmittel verwendet“, erklärt sie uns. Auch müde Füße oder geschwollene Augen können durch die Auflage eines  Blattes gelindert werden – Erste Hilfe aus der Wald-Apotheke für unterwegs.

Unsere Bäume verfügen über starke Heilkräfte
Nicht nur aus den Blättern, auch aus Wurzeln, Rinden, Blüten und Früchten der heimischen Bäume und Sträucher haben unsere Vorfahren jahrhundertelang wertvolle Tees, Säfte, Umschläge, Salben, Bäder und Extrakte zur Behandlung und Vorbeugung von körperlichen und psychischen Erkrankungen gewonnen. Dieses Wissen hat seinen Ursprung in germanischer und keltischer Zeit und wurde im Mittelalter neu belebt und vertieft, als neben den Geistlichen in den Klöstern auch weise Männer und Frauen auf dem Land praktische Erkenntnisse im Umgang mit heilenden Pflanzen sammelten. „Menschen, die noch ein ungebrochenes Verhältnis zur Natur hatten, haben diesen kostbaren Erfahrungsschatz dann von Generation zu Generation weitergeben“, erzählt Susanne Fischer-Rizzi. „Auch in vielen Sagen, Bräuchen, Ritualen und Liedern klingt dieses alte Wissen bis heute nach.“
 
Überlieferte Rezepte
Die Autorin und Heilpraktikerin beschäftigt sich seit ihrem zwölften Lebensjahr mit Heilpflanzen – seit sie von ihrem Großvater ein Kräuterbuch geschenkt bekam. Auf der Suche nach den überlieferten Erkenntnissen über die traditionellen Hausmittel aus dem Wald ist sie 24 Monate lang kreuz und quer durch ganz Deutschland gereist: „Es gibt heute kaum noch jemanden, der das Baumwissen vermitteln kann. Dieses unschätzbare Gut ist schon fast verloren gegangen.“ In ausführlichen Gesprächen mit Kräuterweiblein, Förstern, Jägern, Bauersfrauen, Sennerinnen und Holzschnitzern hat die Allgäuerin nach althergebrachten, oft nur mündlich weitergegebenen Rezepten geforscht: „Ich habe viele der Anwendungen selbst ausprobiert. Aber es ist klar, dass sie bei ernsten gesundheitlichen Problemen eine ärztliche Behandlung nicht ersetzen.“

Von den Ahnen verehrt
Wir lassen den Ahorn – ein heiterer Luftikus, der den Wind liebt und ständig in Bewegung ist – hinter uns und unsere baumkundige Führerin zeigt ihren Lieblingsplatz, der gut versteckt unter mächtigen alten Fichten liegt. Beim Anblick der gewaltigen Stämme versteht man, dass dieses Nadelgehölz von unseren Vorfahren einst als Schutzbaum verehrt wurde. Obwohl es schon Juli ist, finden wir noch genug junge Triebe, die wir zu Franzbranntwein ansetzen. „Nie Sprossen aus der Krone von kleinen Bäumen sammeln“, schärft uns die Expertin ein. „Das führt zur Ver-krüppelung der Pflanze.“ Das ätherische Öl der Fichte wirkt wie das der Tanne schleimlösend, durchblutungsfördernd und hat eine antibakterielle Eigenschaft. Äußerlich wird es als Bad, Umschlag oder Einreibung bei Gelenk- und Muskelschmerzen, Rheuma, Gicht oder Ödemen angewandt. Ein schmackhaftes Hausmittel bei Husten, Grippe und Erkältung, das ältere Bäuerinnen heute noch für ihre Familien herstellen, ist Fichtenhonig.
Vorbei an Weißdornsträuchern, die zu den gut erforschten Heilpflanzen gehören und deren Wirkstoffe bei Herzschwäche und Bluthochdruck eingesetzt werden, entdecken wir einen von Heckenrosen gesäumten Pfad. Früher war die Rosa canina eine ideale Einfriedung von Weide, Feld, Haus und Hof, die nicht nur das Auge erfreute: In ihrem Dickicht fanden die Frauen vom Land viele Pflanzenteile, die sie zu einer ganzen Reihe von Heilmitteln verarbeiteten. „Schade, dass heute nur noch die Zubereitungen aus den Hagebutten populär sind“, bedauert die Allgäuer Autorin. „Aus den Blüten kann man unter anderem ganz einfach einen herzstärkenden Sirup oder einen fiebersenkenden Saft herstellen, aus den Knospen einen Tee, der leicht abführend und entkrampfend wirkt.“
 
Bis zu 20 Prozent Gerbstoff in der Rinde
Ebenso großer Heilkraft kann sich die Eiche rühmen, deren Rinde fast 20 Prozent Gerbstoff enthält – eine Substanz, die Gefäße und Gewebe zusammenzieht. Ein Abkömmling dieses heiligen Baums der Germanen und Kelten, unter dem bis weit ins 18. Jahrhundert hinein Recht gesprochen wurde, thront stolz über einem Abhang. Abkochungen mit der zerkleinerten Borke von fast fingerdicken Ästen werden als Umschlag bei Hautunreinheiten, Frostbeulen, Juckreiz, Wunden, Krampfadern und vielem mehr eingesetzt. Als Gurgelwasser hilft der Absud bei ge-schwollenen Mandeln, ein Tee aus Eichenrinde, den es in Apotheken gibt, wirkt bei Durchfall stopfend. Beim Anblick eines Apfelbaums, den wir auf einer Kuhweide passieren, gerät die Heilpraktikerin ins Schwärmen: „Seine Früchte enthalten so viele heilende Stoffe, dass sie schon immer nicht nur als Speise, sondern auch als Arzneimittel verwendet wurden.“ Je nach Darreichung wirken sie verdauungsfördernd oder stopfend, anregend oder beruhigend, harntreibend oder appetitanregend. „Bei allen Anwendungen sollte man zu kultivierten Äpfeln greifen“, empfiehlt die Expertin. „Mit einer Ausnahme: Als Fiebertrank zubereitet ist ihre wilde Verwandtschaft nicht zu schlagen.“ Dazu werden die Früchte im Herbst in feine Scheiben geschnitten, getrocknet und bei Bedarf zerkleinert aufgekocht. Die nächste Station unserer Entdeckungsreise durch die Wald-Apotheke ist ein Birkenhain am Ufer eines Badesees. Die Blätter dieser schlanken Bäume mit der weißen Rinde sind reich an Bitterstoffen, Gerbstoffen und Mineralien. Als Tee oder Saft zubereitet regen sie Blase und Nieren an und helfen so bei Wassersucht, Rheuma, Gicht, Arthritis, Nieren- und Blasensteinen. Ihre heilenden Eigenschaften wirken sich auch günstig bei verschiedenen Hautkrankheiten aus.
 
Lindenblüten trocknen
Der Pfad führt uns an einer Linde vorbei – einem Baum, unter dem früher in jedem Dorf das soziale Leben stattfand. Ihre Blüten sammelt man im Juli am besten zusammen mit den Hochblättern und trocknet sie. Die Heilpraktikerin: „Wenn man daraus im Winter einen Tee zubereitet, ist es, als habe man sich in seinem Duft ein Stück Sommer erhalten.“ Auch sonst hat es der Lindenblütentee in sich: Auf dem Land ist er heute noch wegen der schweißtreibenden und schleimlösenden Wirkung ein beliebtes Hausmittel bei Erkältung, Schnupfen, Grippe, Husten und Bronchitis. Ähnlich beliebt als Heilmittel-„Lie-ferant“ war früher die Lärche – ein Nadelbaum, um den sich viele Sagen ranken. Sein Harz wurde hauptsächlich zur Herstellung von Salben verwendet. Ein Tipp: Wer die klebrige Masse sammeln will, braucht keine Bäume zu beschädigen. Mit etwas Geduld entdeckt man sicher einen bereits verletzten, an dessen Rinde etwas Harz ausgetreten ist.
„Tief einatmen“, rät Susanne Fischer-Rizzi, als wir uns durch den Nadelwald auf den Rückweg machen. Die ätherischen Ausdünstungen von Tannen, Fichten und Kiefern beleben die Bronchien – ganz ohne Zubereitung.
Angelika Krause  

 
Die Heilkraft der Bäume (Fotos: Peter Raider)
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